www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Wer ist was wert, und wo ist er, der Zauber des Lebens? (T.J.)


Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist oft verknüpft mit dem, was man für andere macht. Das „Selbstwertgefühl“ wird von Psychologen eher in Verbindung mit der persönlichen Leistung für die Gesellschaft gesehen. Man geht davon aus, dass das Selbstwertgefühl mit Arbeitsleistung zusammenhängt. Öfter habe ich gehört, dass auch der Arbeitslohn eine große Rolle spielt, wie stark eine Arbeitstätigkeit als Sinnerlebnis empfunden wird.

In der Nazizeit war die Rede von lebensunwertem Leben. Es wurde Bilanz gezogen zwischen den Kosten und dem Nutzen eines Menschen für den Staat. Wenn man die Welt erobern will, ist es konsequent, Menschen zu töten, die dieses Ziel eher behindern als dass man sie dafür einspannen kann. Es ist ja eine wirklich große Aufgabe, ein 1000-jähriges Reich zu schaffen, da muss man wirklich alle Kräfte bündeln, wenn man dabei ernsthaft eine Chance auf Erfolg haben will. Gut, dass das dennoch nicht gereicht hat.

Aber wie ist es bei mir persönlich? Ich denke immer, dass ich so autonom bin, dass nur meine Haltung mir selbst gegenüber maßgeblich dafür ist, für wie wertvoll ich mich empfinde. Positive Rückmeldungen tun mir gut, das weiß ich. Aber ich bilde mir zumindest ein, dass ich mein Wertgefühl eigentlich mit mir selber ausmache. Ich will ja gerne hilfreich sein, für Freunde, für die Natur, vielleicht sogar für die Gesellschaft. Aber ist das nicht sowieso nebensächlich? Diesbezügliche Arbeit erlebe ich eher als Action, als Weg, die Welt und das Leben kennenzulernen, den Sinn meines Lebens sehe ich dort eigentlich nicht.

Klar, wenn ich schon arbeite, will ich es auch vernünftig machen. Dann will ich nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sein. Gute Arbeit in diesem Sinne ist es, an der Vereinbarkeit von Naturerhaltung und vernünftigem Wohlstand zu arbeiten, und schöne Dinge herzustellen, die den Menschen gefallen aber dabei der Natur nicht schaden. Das Ergebnis meiner Arbeit muss dann irgendwo ankommen, wo es dann in erlebenden Wesen ihr Ziel findet. Der Arbeitsvorgang sollte mich selbst nebenbei auch noch bereichern, wenn das möglich ist. Das Ziel ist immer ein Bewusstsein, eine Seele, hier ist der Zielort des ganzen Arbeitsaufwandes. Es geht hier nicht unbedingt um Spaß, aber es geht um mich, um die Menschen und die Tiere, die Pflanzen und vielleicht noch um mehr.

Da sag ich mir doch, am einfachsten fahr ich mich selber mit Muskelkraft raus in die Natur und genieße die Natur so, wie ich sie vorfinde. So bin ich Ziel für die Schönheit der Welt, und muss nur ein paar Kilometer selber hinfahren und mir Zeit nehmen. Natürlich könnte ich auch als Reisebusfahrer gleich 40 Passagiere ins Grüne fahren, dann wäre das Naturerleben meiner Passagiere das Ziel meiner Fahrerarbeit. Da ist das selber mit dem Fahrrad hinfahren aber wesentlich umweltfreundlicher, und damit auch die Schönheit der Welt bewahrender. Und ohne funktionierende Natur kann ich auch keinen mehr wo hinfahren, wo man die Natur genießen kann.

Es scheint also vorzugehen, die Bewohnbarkeit der Erde und die Möglichkeit Natur zu erleben zu erhalten und zu fördern. Mit kurzfristigen Angeboten Menschen eine kleine Freude zu machen, indem ich irgendwas herstelle, das ich ihnen verkaufen kann, erreiche ich wahrscheinlich nichts, falls ich dabei so viele Ressourcen verbrauche und klimaschädliche Gase produziere, dass die Bilanz für erlebte Lebensqualität langfristig negativ wird. Also guck ich, dass ich Wege finde, selber naturfreundlich zu leben und zu arbeiten. Ich denke, dass das erst mal das Wichtigste ist, was meine Tätigkeiten betrifft.

Darüber hinaus ist die Frage ziemlich interessant, wie man überhaupt Fähigkeiten entwickelt, am Zauber des Lebens teilzuhaben. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich. So viele Leute scheinen völlig in irgendwelche Probleme des Gelderwerbs oder der Beziehungsgestaltung verwickelt zu sein, dass sie vom Leben selbst kaum noch was mitbekommen. Dazu kommen noch psychische „Krankheiten“ oder „Störungen“, die auch Potentiale bereithalten, vom Leben nichts mitzubekommen. Diese psychischen Probleme haben allerdings vielleicht eher das Potential, gute Lebensfähigkeiten zu entwickeln, als das übliche Karriereverhalten.

Im Königreich Butan hat man vor ein paar Jahren das Bruttosozialglück zum Staatsziel erklärt. Hört sich wie eine gute Idee an, obwohl ich wohl Probleme mit verordnetem Glück hätte. Aber wenn sich der Staat Mühe gäbe, seine Untertanen in Ruhe zu lassen anstatt sie mit allen verfügbaren Mitteln zur Leistung zu treiben, wäre vielleicht schon viel gewonnen.

Die Fähigkeit, am Zauber des Lebens teilzuhaben, ist vielleicht der eigentliche Normalzustand der menschlichen Seele, solange dem nichts spezielles im Wege steht. Ich glaube nicht, dass man dafür zwanzig Jahre meditieren muss oder irgendwelche Psychotherapien und Medikamente dafür benötigt. Auch Drogen muss man dafür nicht nehmen. Man muss sich Zeit dafür nehmen, und seinen Geldbedarf und seinen Beziehungsbedarf klären, und sich ein funktionsfähiges Konzept für sein Leben zusammenstellen. Wenn man dann Zeit und Energie übrig hat, kann das was werden mit dem guten Leben, von der Teilhabe am Zauber des Lebens.

Wichtig ist, im Leben etwas zu finden, für das man sich begeistern kann. Das könnte das Wichtigste sein, das im Leben passieren kann. Das kann eine Arbeit sein, andere Menschen, ein Erleben von Welt und Natur, manchmal auch ein Besitz. Die Neugier nach Erkenntnissen kann einen auch begeistern und vorantreiben. Meistens ist es eine Tätigkeit, die im Leben am meisten begeistert, und wenn man Glück hat, kann man davon sogar leben, wenn nicht, muss man gucken, wie man trotzdem durchsetzen kann, zumindest viel Zeit mit dieser begeisternden Tätigkeit verbringen zu können. Lieber mit weniger Geld auskommen, als auf das zu verzichten, was man eigentlich im Leben machen will, ist hier die bessere Wahl.

Gute Arbeit als Weg sich ins Leben zu stürzen, und die Welt und das Leben selbst kennenzulernen, ist meistens eine gute Sache. Ich meine hier nicht Leistung, man kann die schönste Arbeit versauen, wenn man zu schnell oder zu viel davon macht. Das ist die schlimmste Verschwendung überhaupt, eigentlich begeisternde Arbeit mit so viel Leistungsdruck und Hetze zu machen, dass es eine Scheißmaloche wird. Zum Beispiel in der Altenpflege ist der Profitdruck so hoch, dass empfindsame Menschen, die eigentlich das Menschliche suchen und deshalb Altenpfleger werden, dort aufhören müssen, weil sie die Unmenschlichkeit nicht ertragen können, die sie dort aus Zeitmangel den alten Menschen antun müssen. Übrig bleiben eher harte und rücksichtslose Mitarbeiter, die sich nur für ihren Arbeitslohn interessieren und denen die alten Menschen ziemlich egal sind.

Nichts tun und nur gucken gehört auch zum Leben, dass man sich zwischendurch seine Arbeit und was man da erarbeitet hat ansieht. So kann man auch in Ruhe an der Qualität der Arbeit feilen. Wenn man dann genug vom Arbeiten hat und Lust bekommt, unproduktiv zu sein, ist es gut, wenn man dem nachgeben kann. Solange es nicht langweilig wird, ist weniger meistens besser als mehr machen. Es gibt heutzutage zu wenig Arbeit auf der Welt, und es wird zu viel Natur kaputt gearbeitet. Faulheit gehört nicht zu den Problemen der Welt. Fürs Nichtstun gibt es die richtige Dosis.

Die im Menschen eingebaute Unruhe und Umtriebigkeit allerdings ist nicht therapierbar und muss auch irgendwo hin. In Tauschkreisen taucht immer wieder ein merkwürdiges Problem auf: Es finden sich mehr Leute, die etwas abgeben wollen, als Leute, die etwas abnehmen möchten. Hier zeigt sich nebenbei das Problem unserer Zeit: Wir sind so dermaßen auf Produktion dressiert, dass kaum einer sich mehr traut, einfach zu nehmen, was es umsonst gibt.

Wilde, freie Natur kostet z.B. gar nichts, im Gegenteil, sie erfordert die Zurückhaltung, die wilde und freie Natur nicht zu bearbeiten. Sich gemeinsam zu treffen, um Musik zu machen oder Skat zu spielen, kostet auch überhaupt nichts, sondern erfordert nur den Mut, unproduktiv zu sein, und das Spiel und das Miteinander geschehen zu lassen. Man spart sogar Strom und Heizkosten, wenn man sich zum Spielen trifft, im Gegensatz dazu als wenn jeder alleine zuhause vorm Fernseher oder vorm Computer sitzt.

Wenn ich mir die Mühe mache, mit Muskelkraft Fahrrad zu fahren, kann ich die eigenständige Bewegung genießen, und habe ein Stück vom Leben, das nebenbei Kosten für Bus oder Auto einspart und das Zeit und Geld für das Fitnesscenter spart. Für die Natur ist Fahrradfahren ebenfalls mehr Wert als das meiste, was man als Normalverbraucher für die Natur so machen kann. Wen wunderts, dass da vielleicht sogar was vom Geist der Natur zurückkommt, und einen an dem Zauber des Lebens teilhaben lässt.

Teilhabe an der Welt muss keine Tätigkeit und auch kein Konsum von Wirtschaftsgütern sein. Das Sein an sich, die Schönheit der Natur, das Angucken und angeguckt werden, das Miteinander im kleinen Rahmen bietet eine Teilhabe, die irgendwie weit über das Materielle hinauszugehen scheint. Teil des Ganzen zu sein ist mehr als das rein Materielle und erfordert schon überhaupt keine Mitarbeit an den eher zweifelhaften Projekten dieser Gesellschaft.

Das Bewusstsein selbst lebt von der Teilhabe am ganzen Universum. Es wird aktiv und entwickelt sich, und entwickelt in sich selbst jenen Zauber, der das Wunder der Seele und der das Leben selbst ausmacht. Das Universum wird sich in uns seiner selbst bewusst. Das ist so wichtig, das es nichts ausmacht, wenn man mal nichts zustande bringt und im wesentlichen unproduktiv bleibt. Es ist eine Riesenunverschämtheit, Menschen für wertlos zu erklären und ihnen das Leben schwer zu machen, nur weil sie nichts erwirtschaften.
(Tobias Jeckenburger)