www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Über das Unrecht des Drogenverbots (T.J.)


Die meisten psychisch Kranken rauchen und sind gleichzeitig arm. Die Tabaksteuer ist für uns eine große finanzielle Belastung. Auch gilt Drogensucht als psychische Erkrankung und wird psychiatrisch behandelt. Deshalb hier ein Beitrag über das Drogenverbot.

In früheren Jahrhunderten waren die meisten Menschen nichts als Sklaven, nur unsere Nützlichkeit für die Feudalherren und Pfaffen war von Interesse. Wie es den einfachen Menschen dabei ging spielte keine Rolle. Später kamen noch die Fabrikbesitzer dazu, die die feudale Ausbeutung fortgeführt und ausgeweitet haben. Die Produktivität der Gesellschaft stieg, aber den untertänigen Menschen ging es zunächst immer schlechter.

Im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Produktivität der Industrie immer mehr ein Faktor für militärische Macht. Dazu brauchte es ausgebildete Arbeiter, Menschen wurden qualifiziert als Ingenieure und Wissenschaftler. Die Effektivität der gesamten Gesellschaft rückte weiter in den Vordergrund. In der Nazizeit wurde dies auf die Spitze getrieben. Das Ziel, die ganze Welt zu erobern, forderte konsequent Asoziale, Behinderte und psychisch Kranke zu töten, weil die Ressourcen, die ihre Versorgung verbrauchten, für den großen Krieg gebraucht wurden. Noch immer stand die Nützlichkeit der Bevölkerung so weit im Vordergrund, dass es fast keine Rolle spielte, wie es dem einzelnen Menschen selbst dabei ging. Alle Produktivität wurde dem Krieg untergeordnet. Auch die Menschen aus den überfallenen Nachbarländern wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt und regelrecht verbraucht, um die Kriegsmaschine am Laufen zu halten.

Erst nach dem 2. Weltkrieg, im Klima von funktionierenden Demokratien, wurde nach und nach der Mensch als Individuum mit eigenen Ansprüchen entdeckt. Dass es eine Rolle spielt, wie Mensch lebt, wie es ihm geht, ob er glücklich ist oder unglücklich. Was er meint und glaubt, was er will und braucht, darf er heute teilweise selbst entscheiden. Wie es dem Menschen selber geht, wie es im Menschen innendrin aussieht, wird immer wichtiger. Aber nach wie vor ist die Nützlichkeit eines Menschen für Staat und Wirtschaft im Zweifelsfall wichtiger als sein Selbstbefinden, wichtiger als seine eigenen Vorstellungen von einem guten Leben.

Ich sehe in diesem Zusammenhang die Tabaksteuer und die meisten Drogenverbote als eklatantes Unrecht an. Nikotin kann die Psyche stabilisieren, Haschisch hilft gegen Schmerzen und gegen Langeweile. Heroin hilft gegen starke seelische Schmerzen, Kokain hilft selbst gegen extreme Langeweile. LSD und Speed befriedigt die Abenteuerlust. Opium lindert auch Psychosen und Depressionen, wenn Psychotherapie und Psychopharmaka versagen. Die positiven Seiten der Drogen sind Realität. Das wird einfach ignoriert, vermeintlich wohl, um die Aussichten auf Therapieerfolge zu verbessern.

Alkohol wird noch toleriert, die Steuern auf Alkohol sind relativ niedrig, aber meiner Ansicht auch fraglich. Immerhin führt die Alkoholsteuer dazu, dass arme Abhängige auf billigen Fusel ausweichen müssen, und bei entsprechend hohem Konsum nur wenig Geld für Nahrungsmittel übrig bleibt.

Es geht hier nicht um Drogenverherrlichung, sondern um die Menschenrechte von Süchtigen. Die Suchteffekte, die die heute verbotenen bzw. verteuerten Substanzen mit sich bringen, sind ein schwerwiegendes Problem. Man sollte diese Drogen nicht am Kiosk an Minderjährige verkaufen. Aber wer einmal süchtig ist, hat sich eben trotzdem dazu entschlossen, damit anzufangen. Mag sein dass er den Suchteffekt unterschätzt hat, mag sein das er zu impulsiv war, mag sein dass er vollkommen verzweifelt war oder einfach nur übermütig war. Seine Sucht aber ist jetzt Realität, und ein vernünftiger Umgang damit ist angesagt. Einfach das Leben und die Lebensqualität des Süchtigen zu vernichten ist Unrecht. Die Kosten der Sucht treiben die Süchtigen meistens in die Kriminalität oder in die Prostitution, und die schlechte Qualität auf dem illegalen Markt ruiniert die Gesundheit, sodass von einem guten Leben nicht mehr viel übrig bleibt. Wer seine Sucht nachweisen kann, sollte Zugang zu sauberen und bezahlbaren Drogen bzw. Ersatzdrogen bekommen. Zum Teil wird das auch schon gemacht, aber das ist noch sehr ausbaufähig.

Der Wille des Süchtigen zum Drogenkonsum kommt aus dem Bereich des Unbewussten. Die Droge wirkt eine Schicht tiefer, in der Schicht, die den Willen erst erzeugt. Der Süchtige will vielleicht gerne aufhören, aber ein Entzugsversuch verändert umgehend aus der Tiefe des Unbewussten heraus den Willen selbst, und verhindert die Umsetzung der Abstinenz. Der Süchtige hat ein Problem, die Freiheit seines Willens ist eingeschränkt. Das ist bis hier her nur philosophisch unschön. Aber jetzt kommt der Staat an und fordert hier einfach das Kommando für sich. Das Unbewusste wird zur Domäne von Psychologie und Psychiatrie gemacht, der Mensch wird komplett entmündigt und nach Lust und Laune therapiert, ob er will oder nicht, egal ob das überhaupt was bringt oder nicht. Die Drogen werden einfach verboten, der Zugang dadurch teuer, riskant, illegal und die Qualität der Ware wird ruiniert. Massive Gesundheitsschäden sind oft jetzt erst die Folge, Beschaffungskriminalität wird teilweise unvermeidlich. Der Süchtige wird straffällig und kann jetzt nach Belieben zu Therapien gezwungen werden. Derweil knallen bei der Drogenmafia die Sektkorken.

Tabakraucher quälen nützt auch nichts, nicht mit Steuern und nicht mit Ekelbildern. Der Mensch ist eben manchmal bescheuert. Schafft man es vom Verstand her aufzuhören? Manchmal ja, aber ansonsten kann der Staat gut abkassieren. Extra Leidensdruck machen ist nutzlos und grausam. Wenn einer wirklich nützende Medikamente und Therapien hat, werden die auch gerne angenommen, z.B. Methadon oder E-Zigaretten.

Mit „dann hör doch auf zu rauchen“ würgt man einfach die Diskussion ab. Man wird einfach weggedrängt, in seinem Leben ignoriert, der staatlichen Willkür ausgeliefert und abkassiert. Die Quälerei geht weiter, Aufhören geht weiterhin nicht. Da ist eben ein Systemfehler im Kopf. Würde man Tabak konsumieren, weil er billig ist, wären die Tabaksteuern hilfreich. Aber deswegen raucht keiner.

Ich halte Drogenkonsum vom Kopf her für ziemlich unsinnig, was seiner Realität aber oft wenig anhaben kann. Ich bin selbst Raucher, abstinenter Alkoholiker und habe in meiner Jugend auch mal Haschisch geraucht. Vom Hachisch bin ich nicht mal süchtig geworden, das gibt’s auch. Ich will einen klaren Kopf haben, deshalb kommt Haschisch für mich gar nicht mehr infrage. Alkohol ist da auch kritisch, zu viel davon tötet reihenweise Gehirnzellen und ruiniert damit die geistige Leistungsfähigkeit, die mir sehr am Herzen liegt. Aber ich kann hier nicht von mir auf andere schließen.

Ich habe Respekt vor meiner eigenen Impulsivität, deshalb bleibe ich vom Alkohol lieber ganz weg. Das Rauchen ist wohl sehr ungesund, aber ich kann damit nicht aufhören. Staatliche Unterstützung durch Daumenschrauben will ich nicht, und das meine ich ernst. Das Recht, mir aus Impulsivität heraus selbst zu schaden, ist meins. Wenn mal einer wirklich hilfreiche Therapien und Medikamente hätte, nehme ich das Angebot aber sehr gerne an.

Ich bin froh, das ich mit harten Drogen wie Heroin, Kokain oder mit valiumartigen Medikamenten nie was zu tun hatte. Die Neuroleptika, die ich seit 25 Jahren nehme, gelten zwar nicht als Suchtmittel, weil ihr Effekt aufs Befinden kurzfristig eher negativ ist, aber absetzen kann ich die schon gar nicht mehr. Da wäre ich binnen 24 Stunden total überdreht, könnte nicht mehr schlafen und würde wohl innerhalb weniger Tage psychotisch. Der Gewöhnungseffekt über die Jahrzehnte ist hier wohl eher noch stärker als der von harten Drogen.

Die Einstufung von Sucht als Erkrankung ist meiner Ansicht durchaus korrekt. Aber dass heißt nicht, das die Ärzte jetzt das alleinige Kommando haben. Medizinische Versorgung ist grundsätzlich freiwillig. Bei Suchterkrankungen ist zwar der Wille des Patienten mit von der Erkrankung betroffen, aber nicht so, dass er nicht mehr selber wüsste was gut für ihn ist, und nicht mehr vernünftig einschätzen könnte, welche Therapiemaßnahme er mitmachen will oder nicht.

Fremdgefährdung durch Beschaffungskriminalität jedenfalls wird erst durch das Drogenverbot und in geringerem Ausmaß auch durch die Tabak- und Alkoholsteuer erzeugt. Wenn einer die Bürger davor schützen will, muss er nur die Süchtigen in Ruhe lassen. Selbstgefährdung durch schlechte Drogenqualität erfordert dringend saubere Drogen, das gilt auch für Zusatzstoffe im Tabak, nebenbei. Das ist eine grundlegende Frage des Verbraucherschutzes. Alkohol wird auch kontrolliert, dass da kein Methanol und kein Frostschutzmittel drin ist. Als in der Prohibition in Amerika Alkohol verboten war, starben hunderttausende an gepanschter illegaler Ware und viel weniger getrunken wurde auch nicht.

Kontrollierter Drogenverkauf zu erschwinglichen Preisen würde den Schwarzmarkt austrocknen, und man könnte Einfluss darauf nehmen, dass eher weniger gesundheitsschädliche Drogen konsumiert werden, z.B. Alternativen zu Heroin-Spritzen, die auf die Dauer auch die Venen ruinieren, oder Haschisch mit nicht so viel THC-Gehalt, was die Anfälligkeit für Psychosen reduzieren könnte.

Die Folgekosten der Beschaffungskriminalität und die Kosten von recht nutzlosen Therapieversuchen jedenfalls sind astronomisch. Der Staat und die Krankenkassen würden reichlich sparen, wenn das Drogenverbot für nachweislich Süchtige aufgehoben würde. Das eingesparte Geld wäre ein Ausgleich für die dem Staat entgangenen Tabaksteuern, wenn die zusammen mit dem Drogenverbot abgeschafft würden. Ich wohne hier in einem sozialen Brennpunkt, und möchte nicht von irgendwelchen Junkies ausgeraubt werden. Wenn diese Gefahr entfiele, würde sich auch die gefühlte Lebensqualität hier im Viertel wesentlich erhöhen.

Ich würde nicht soweit gehen, den Drogenverkauf ganz zu legalisieren. Ich denke, erst wenn man mindestens 2 Monate Sucht nachweisen kann, sollte man z.B. in Apotheken saubere harte Drogen kaufen dürfen. Eine gewisse Hürde sollte schon aufgebaut werden, dass das nicht zu einfach ist, süchtig zu werden.

Und wenn durch die Freigabe doch mehr Menschen anfangen Drogen zu nehmen? Ich denke nicht, dass sich dadurch das Problem mehr als verdoppeln würde. Zum Ausgleich dafür würde sich erstens das Problem für die alten wie die neuen Süchtigen deutlich reduzieren. Und zweitens ist das nicht das Problem derer, die jetzt süchtig sind. Das ist eine Frage von Recht und Unrecht. Man ist nicht berechtigt das Leben eines Süchtigen derart zu verderben, damit ein anderer gar nicht erst mit Drogen anfängt.
(Tobias Jeckenburger)