www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Wie Bewusstsein funktionieren könnte (T.J.)


Die Frage, was Bewusstsein ist, interessiert mich schon länger. Die Selbsterfahrung des eigenen Bewusstseins will gerne eingeordnet sein. Wie viel ist Geist, wie viel ist Gehirn? Die Hirnforscher sehen nur das Gehirn, die Traditionen sehen nur den Geist bzw. die Seele. Die Psychologie klammert das Problem gerne aus und konzentriert sich auf wirksame Therapieverfahren. Aber wie funktioniert das Zusammenspiel von Gehirn und Geist? Für den, der nur wissenschaftlich belegbares Medizinwissen akzeptiert, stellt sich diese Frage natürlich nicht. Für den ist eben alles Gehirninhalt was sein Bewusstsein enthält und fertig. Das geht dann ja nicht anders.

Die Idee von kosmischem Bewusstsein, wovon wir als lokales Bewusstsein (bzw. als Seele) ein Teil sind, ist in verschiedenen Formen Teil der meisten Religionen. Als diese Religionen entstanden sind, hatte man noch keine Ahnung davon, dass das Gehirn ein mächtiges informationsverarbeitendes System ist, das an allen seelischen Prozessen beteiligt ist. Trotzdem meine ich aus Erfahrung sagen zu können, dass das Gehirn alleine meine Existenz nicht ausmachen kann, und dass die Idee, auch ein Teil vom kosmischen Bewusstsein zu sein, nicht nur attraktiv, sondern auch realistisch ist.

Das Zusammenspiel von diesem allgegenwärtigen Bewusstsein mit dem Gehirn ist hier die interessante Frage. Meine Vorstellung ist die: Während man schläft, optimiert das Gehirn das Datenlager Hirnrinde. Das Bewusstsein scheint dabei abwesend zu sein, nur hin und wieder bekommt es etwas von den Träumen mit. Wenn man dann morgens aufwacht, ist es, als beträte man einen Raum, der über Nacht aufgeräumt wurde. Über einiges gibt es nun Klarheit, manches Problem scheint sich in Luft aufgelöst zu haben, man geht den Tag mit neuen Erkenntnissen an.

Mit dem Aufwachen kommt ein Stück kosmisches Bewusstsein zum Gehirn wieder dazu, macht aus dem unbewussten Räderwerk eine komplette seelische Existenz, die in ihrer Subjektivität selbst präsent ist. Es entsteht ein Innenraum, der das Zentrum der gesamten persönlichen Existenz ist. Ein Stück vom lebendigem Raum, ein Stück des lebendigen Kosmos, wird hier zu einer vorübergehenden Menschenseele, die im Zusammenspiel mit dem Gehirn ein waches Bewusstsein ausmacht. So kommt man wach und lebendig durch den Tag. Die geistige Seite des Bewusstseins nimmt Einfluss auf die Hirntätigkeit, kontrolliert den Fokus des Bewusstsein mit, fördert neue Erkenntnisse, verwirft Irrtümer und versucht sich darin, den Tag zu gestalten. Bis man abends wieder einschläft, und das Gehirn dann im Schlaf wieder alleine weitermacht, den gelebten Tag verarbeitet und den nächsten Tag vorbereitet.

Was ist kosmischer Geist bzw. kosmisches Bewusstsein? Es ist im Kosmos wohl grundlegend vorhanden, und die Idee von Göttern geht in dieselbe Richtung, insbesondere wenn man den Göttern keine speziellen Eigenschaften zuschreibt. Man wird ein Teil davon, wenn man wach und bei Bewusstsein ist, aber was das kosmische Bewusstsein ist, weiß ich natürlich auch nicht.

Ich vermute, dass kosmischer Geist über im ganzen Nervengeflecht verteilte sensible Stellen Einfluss auf die Gehirnprozesse nimmt und damit ins materielle Geschehen eingehen kann. Wenn dies auf Quantenzufallsebene stattfindet, widerspricht dies meiner Ansicht keinen gesicherten Naturgesetzen. Das Gehirn scheint so gebaut zu sein, dass es die Mitarbeit von kosmischem Geist nicht nur ermöglicht, sondern auch ohne diese Unterstützung gar nicht wach sein kann.

Das Angebot des kosmischen Geistes an Gehirne aller Art, hier Bewusstseinsfunktionen zu unterstützen, hat die Evolution längst in wahrscheinlich alle komplexen Lebensformen eingebaut. Geeignete Gehirne scheinen kosmisches Bewusstsein regelrecht anzuziehen. Das hat auch die erfreuliche Nebenwirkung, dass keine Zombies rumlaufen, also intelligente, aber seelenlose Automaten. Erfahrungsgemäß meine ich zu spüren, dass selbstverständlich alle Wirbeltiere ein Bewusstsein ähnlich dem unsrigen haben, im Sinne eines lebendigen Innenraumes, der Teil des kosmische Bewusstseins ist. Pflanzen haben auch ihre zurückhaltende, ruhige Präsenz. Über die Geisteswelt von Insekten kann ich wenig sagen, da müsste man mal einen Imker fragen. Mücken erscheinen mir am ehesten noch als lästige Automaten, aber wer weiß.

Im Gang der Bewusstseinstätigkeit arbeitet die Seele an sich und dem Gehirn, nimmt wahr, was über die Sinne und nachgestellter Verarbeitung reinkommt, denkt sich was, plant was und macht was, was dann mit Routinen und mit der Koordination der gelernten Strukturen größtenteils automatisiert als Handlung abläuft. Aber vor allem ist die Seele eben die Wachheit an sich. Seele in Aktion ist Teil des bewusstseinsdurchfluteten Raumes des Universums, und so kann sich der Mensch auch konkret verbunden mit dem Universum fühlen.

Wenn der Mensch wach ist, ist das Gehirn überall verteilt in wechselnder Aktion tätig, wie man das mit den verschiedensten Messgeräten beobachten kann. Die unterschiedlichsten Prozesse laufen gleichzeitig ab. Aber ohne die Seele als ein Stück vom kosmischen Bewusstsein ist Wachsein im Sinne eines lebendigen Bewusstseins nicht möglich. Wache Gehirne ohne die kosmische Bewusstseinsunterstützung sind aus gefühlter Erfahrung prinzipiell nicht möglich, finde ich. Die Existenz des Innenraumes ist es, der mir nur als Nervenimpulsansammlung für nicht denkbar erscheint.

Wissenschaft fordert ja, dass eine wissenschaftliche Theorie auch widerlegbar sein muss, falls sie nicht zutreffend ist. Ich denke, das müsste hier eigentlich gegeben sein. Man ist ja gerade dabei, Gehirne von Menschen und vor allem von Mäusen und Ratten so umfassend zu kartieren, dass man hofft, so bis ins Kleinste zu erfahren, wie sie funktionieren. Wenn ich Recht habe mit meiner Vermutung, dass Wachheit ohne kosmische Unterstützung nicht möglich ist, wird man das wohl bald feststellen können. Wenn man das Ergebnis der Gehirnkartierung im Computer simuliert und keine sensiblen Stellen anbietet, über die der kosmische Geist dazukommen kann, wird man nicht in der Lage sein, die simulierten Mäuse aufzuwecken. Geeignete sensible Stellen wären z.b. analoge Zufallszahlen, die in großer Zahl im Simulationsprozess verwertet werden. Und wenn die Mäuse ganz ohne dem aufwachen, dann ist meine Theorie irgendwie verkehrt. Das kann ja auch sein. Ich hab hier eher ein Gefühl als wirkliches Wissen, aber immerhin ein konkretes Gefühl, dass ein Gehirn alleine kein Bewusstsein produzieren kann. Wie soll so ein 3D-Innenraum aus Nervenimpulsen zusammengesetzt sein?

Die Wachheit an sich ist ein wesentlicher Bestandteil des Lebens. Sie ermöglicht Willensfreiheit, Verantwortung und intensive Teilhabe. Die Wachheit findet Inspiration und Intelligenz, findet Wege über den Tellerrand hinaus und für ein gutes Miteinander. Auch wenn wir keine bewusstlosen Automaten sind, wenn wir das von uns denken, benehmen wir uns vielleicht sogar wie Automaten, die nichts als biologischen bzw. finanziellen Erfolg suchen. Überhaupt sorgt Wachheit an sich noch nicht für die Höhe des Bewusstseins, diese ist dann auch die Folge von Disziplin, Bildung und beharrlicher Arbeit an sich selbst und an der eigenen Beziehung zur Welt und den Mitmenschen.

Der gesamte Kosmos als bewusstseinsdurchfluteter Raum ist das kosmische Bewusstsein insgesamt selbst, das auch im Raum zwischen den Sternen präsent sein kann. Mit uns Menschen hat das vielleicht nur am Rande zu tun. Wir müssen aber auch nicht die Krone der Schöpfung sein. Aber es gibt hier auf der Erde richtig was zu erleben, und wir als Menschen sind da mittendrin. Sich achtsam in der Natur aufzuhalten vermittelt einem das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein. Daraus ergibt sich die Aufgabe, mit sich selbst, seinen Mitgeschöpfen und der Welt insgesamt pfleglich umzugehen. Uns Menschen als großtechnisch tätiges Monster kommt hier sicher eine besondere Aufgabe zu.
(Tobias Jeckenburger)