www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Die zwei Seiten des Unbewussten (T.J.)


Was ist die treibende Kraft in der Entwicklung eines Menschen? Gefühle, die uns leiten, Erlebnisse, die sich gut anfühlen, die sucht man. Was sich gar nicht gut anfühlt, versuchen wir zu vermeiden. Aus dem Unbewussten heraus gibt uns hier die eigene Konstitution eine Richtung vor. Was treibt uns an, was fühlt sich gut an, was bewegt uns bewusst und unbewusst?

Das biologische Menschenbild ist sehr eng gefasst, und Medizin, Psychologie und Soziologie bauen zumeist darauf auf. Das Unbewusste wird in der biologischen Sichtweise meist als eine Sammlung von biologischen Bedürfnissen betrachtet, die sich u.a. über Gefühle im Bewusstsein manifestieren, und so letztlich unser Verhalten im biologischen Sinne steuern.

Darüber hinaus sehe ich eine ganz andere Seite, die uns antreibt und von der wir mitbestimmt werden. Geniale Ideen, Freude an der Natur, generell intensive Teilhabe an der Wirklichkeit, Begeisterung in Musik, Kunst und auch im alltäglichen Leben scheint mir eine ganz andere Quelle zu haben. Hier ist nicht eingebaute Biologie verantwortlich, hier findet kosmischer Geist seinen Weg in unser kleines, persönliches Leben. Und das bewegt uns auch ganz wesentlich.

Beides, die eingebauten biologischen Bedürfnissen auf der einen Seite und die Arbeit der Tiefe des Geistes in uns auf der anderen Seite beeinflusst uns und unsere aktuelle Gefühlslage. Beides gibt uns eine Richtung, die am Ende unser Leben ausmacht. Biologische Bedürfnisse in Kombination mit dem kosmischen Geist machen uns meiner Meinung nach als Menschen aus.

Wenn man alles für biologisch hält, was uns antreibt, beschränkt man sich selbst und muss sich mit einem geistlosen Leben ohne jede göttliche bzw. kosmische Unterstützung abfinden. Das andere Extrem ist, wenn man alles aus der Geisteswelt heraus erklären will. Dann bekommt man mittelalterliche Schwierigkeiten mit Gottesfurcht, Ketzerei und Teufelszeug. Wenn man alles den Geistern und Göttern dieser Welt zuschreibt und Biologie und Evolution ignoriert, kann man nicht mal seine Sexualität vernünftig integrieren.

Dass man sowohl biologischen als auch geistigen Einflüssen unterliegt, finde ich wichtig zu berücksichtigen. Das eine sorgt für unsere grundsätzliche Funktionalität, das andere gibt dem Leben einen Sinn und lässt uns weit über unsere biologische Existenz hinauswachsen.

In der Psychologie herrscht die Meinung vor, Kreativität käme ganz aus der biologischen Konstitution heraus. Ich denke, dass hier die Macht der Geisteswelt mit beteiligt ist, gute Ideen und Inspiration haben entsprechende Qualität und kommen auch zur richtigen Zeit.
Die Dynamik der Rationalität, die auf den Ideen aufbaut, bringt uns voran. Kreatives Denken befördert Einsichten, die der Verstand in brauchbare Theorien umwandelt. Die Idee zum Beispiel, dass es Gravitation gibt, wird erst durch Finden einer passenden mathematischen Formel belegt, die den Gedanken nicht nur beweist, sondern auch technisch nutzbar macht.

Wir haben mehr als unser biologisches Überleben im Sinn. Ich glaube, dass wir von der Evolution Freigelassene sind, die allerlei unnötigen Unsinn machen dürfen. Nur dann sind wir Mensch. Das könnte theoretisch auch dem Lebensvorteil dienen und so auch biologische Ursachen haben, tut es aber nicht. Unsinn, also Sachen, die für unser Überleben überflüssig sind, bieten keine egoistischen biologischen Vorteile. Im Gegenteil, Unsinn macht frei vom tierischen Ernst. Die Neugier des Menschen übersteigt ständig das biologisch nützliche, so wie wir mit Riesenteleskopen den Weltraum erforschen, mit Supercomputern den Urknall simulieren oder mit Tauchbooten die Tiefsee erkunden.

Irgendeine Art Geist, wer oder was das ist, weiß ich nicht, spielt wohl auch in der Evolution mit. Das fördert, dass der Mensch Unsinn macht, wie aufwändigen Schmuck, bunte Kleider und ausgiebige Feste, sobald er für ein gutes Überleben gesorgt hat und noch Zeit übrig hat. Das ist die Quelle der Kultur, hier sind begeisternde Emotionen bei der Arbeit, diese sind das, was den Menschen ausmacht und die Ursache seiner Kreativität. Dieses macht sich überwiegend zweckfrei überall breit, aber das sind wir.

Die eingebauten Emotionen, die dem Überleben und der Fortpflanzung dienen, sind bei uns nur die eine Hälfte, die andere Hälfte dient direkt der Begeisterung und der gelebten Qualität des Menschenlebens für sich selbst. Das bietet die Perspektive, dass wir die Ökosysteme, die wir in Beschlag nehmen, auch pflegen können, und nicht nur ausbeuten, bis nichts mehr da ist. Eine für das egoistische Überleben eigentlich nicht maßgebliche Freude an der Natur um uns herum kann uns motivieren, dass wir eben nicht alles platt machen, was wir nutzen könnten.

Die Begeisterung selbst, die uns zu erleben so gut gefällt, hat direkt etwas mit Geist aus den kosmischen Tiefen zu tun, im wahrsten Sinne des Wortes „Begeisterung“. Sollen gute Gefühle einfach nur eingebaute Manipulationen der Genetik an unserem Bewusstsein sein, damit das Bewusstsein dem Ziel des Überlebens und der Fortpflanzung folgt? Das glaube ich nicht, da ist doch noch mehr. Emotionen sind auch Lebensenergien, Bewusstseinszustände, die sich auch außerhalb von Gehirn und Körper manifestieren und existieren im Sinne einem Anteil an einer geistigen Welt. Dies macht die Qualität und die Lebensqualität aus, wenn es positiv ist, und das macht wirkliche Grauenhaftigkeit auf der anderen Seite des Lebens aus, wenn wir mal wieder wie die Tiere aufeinander losgehen.

Die Freiheit des Unsinns, die Freiheit der Emotionen von der Notwendigkeit ermöglichen nebenbei auch den menschlichen Humor. Der verkrampfte tierische Ernst, der die Szene von Wissenschaft und Religion zu beherrschen scheint und in Wirtschaft und Politik ausstrahlt ist nicht gut für uns Menschen. Humorlosigkeit ist nicht nur trostlos, sondern auch gefährlich. Humorlose Menschen zetteln Kriege an, um Auswege aus ihrer Trostlosigkeit durch Zugewinn zu erzielen, und sind in ihrer verbissenen Ernsthaftigkeit vom eigentlichen Leben abgeschnitten.

So verkrampft hier manchmal der Mensch daherkommt, da haben Tiere noch mehr Humor und Lebensfreiheit in sich. Tiere leben einfach, und sind wesentlich kreativer, freier und genussorientierter, als sie in Naturdokumentationen gerne dargestellt werden. Ganz aus der biologischen Wissenschaft aus betrachtet werden dort Tiere gerne im reinen Überlebenskampf dargestellt, was in dieser Härte wohl nicht die Wirklichkeit ist. In der Natur selbst ist sehr viel mehr Lebensfreude zu beobachten, als man in diesen Dokumentationen zu sehen bekommt.

Der Mensch ist extrem neugierig und experimentiert ständig, das ist gut so. Das Ergebnis ist eine sehr vielfältige Kultur, und eine Unzahl an persönlichen Biografien, die alle ihre eigenen Wege gehen. Sieht man die Lebensläufe der Menschen nur aus der Perspektive des Gelderwerbs, übersieht man das meiste. Das eigentliche Leben hat meistens wenig mit Geld zu tun. Im reinen Fokus des eigenen finanziellen Vorteils erscheint das wirkliche Leben als lästig, und alle, die den eigenen Vorteil schmälern, erscheinen als feindlich.

Der Mangel an Akzeptanz von vielfältiger Kultur und die verlorene Neugier und Experimentierfreude sind ja gerade das Ergebnis fehlerhafter Menschenbilder, und das Ergebnis einer Kultur, die nur auf Gelderwerb aus ist. Nicht gelebte Ressourcen wie Neugier und Leidenschaft schaffen einen Mangel, der nicht zu ersetzten ist.
Eine Kultur, die nur auf Gelderwerb ausgerichtet ist, lässt grundlegende menschliche Bedürfnisse unbefriedigt.

Die postmoderne Schnelllebigkeit mit ihrem Mangel an Kommunikation von Mensch zu Mensch, die fehlende Ethik in der Wirtschaft und ihre erschöpfenden Leistungsanforderungen sind die Folge des Ersatzes von Sinn und Begeisterung durch Geld. Der Bewusstseinsmangel reduziert die Lebensbeteiligung auf Gelderwerb, und das erzeugt den Zeitmangel, dass zu nichts mehr richtig Zeit ist und Müdigkeit zur vorherrschenden Stimmung wird.

Jeder Mensch hat Anrecht auf ein gutes Stück Leben jenseits von Produktivität und Wirtschaftlichkeit, und sollte versuchen, dass für sich selbst und andere durchzusetzen. Wir brauchen Muße, Zeit zur Besinnung, Zeit für Abschlüsse von Kapiteln, und nicht ständig etwas Neues, bevor das Alte richtig verarbeitet ist. Wir brauchen Zeit für Träume und Visionen, und nicht ständig größere Umsätze. Die Augenblicke des Lebens sind das Leben. Leben bedeutet grundsätzlich Veränderung und wir sollten achtsam im Hier und Jetzt leben, denn den Moment, den wir gerade erleben, wird es so nie wieder geben.

Die Emotionen, die uns Antreiben, sollen allein der Ausbreitung der eigenen Gene gegenüber denen der eigenen Artgenossen dienen? Das wird hier zur selbsterfüllenden, zerstörerischen Prophezeiung. Die Menschen werden so, wenn sie meinen, dass sie so sind. Sie verwerfen weiterführende Emotionen, weiterführende Bewegung in sich selbst, wenn sie sie nicht einordnen können.

Die geistig bedingten Emotionen, die uns bewegen, sind auch Realität, und machen das Leben komplizierter. Damit muss man klarkommen, auch wenn hier einfache Formeln nicht mehr möglich sind. Es ist zwecklos, sein halbes Leben zu ignorieren, nur um es einfach zu halten. Kosmischer Geist mischt sich in unser Gefühlsleben ein, macht wahrscheinlich sogar unser Bewusstsein aus und geht über die Hirnaktivität hinaus.

So ist zum Beispiel die Erfahrung der Liebe unter uns Menschen völlig vielfältig und unübersichtlich, ändert sich ständig, vergeht und entsteht neu, mit jeder Partnerschaft machen sich neue Welten auf. Diese Erfahrung des konkreten, einmaligen Lebens und Erlebens braucht kein Korsett von einfacher Struktur durch religiöse oder psychologische Systeme, die versuchen, das Leben auf einfache Formeln zu reduzieren. Die Erfahrung der Liebe ist sich meistens wirklich selbst genug. Die Erfahrung, den Anderen intensiv zu erleben und die Erfahrung, intensiv erlebt zu werden, kommt mit sich selber alleine noch am besten aus.

Wenn man akzeptiert, dass kosmischer Geist – was immer das sein mag - einen bewegen kann und wenn man über seinen Tellerrand hinweg sieht und Emotionen folgt, die einen vom egoistischen Leben wegführen, kann man einfach besser leben. Man hat auf einmal viel mehr Möglichkeiten, wenn man nicht nur für möglichst viel Geld arbeitet, sondern einfach anfängt, gute Sachen zu machen. Mit Vernunft und mit Gefühl kommt man schnell voran und bekommt Unterstützung. Die Kreativität entwickelt sich erst richtig und man findet sehr viel mehr Glück, als Geld, gesellschaftlicher Status oder Drogen bewirken können. Einfach weil der bewegende Geist auch die folgende Bewegung mit unterstützt, und so das Leben komplett begeistert.

Die Versuche in der Psychologie und Medizin, den Menschen auf seine Biologie zu reduzieren, sind mir ein Graus geworden. Die Religionen versuchen auch, das Leben zu vereinfachen, aber andersherum, indem sie alles dem göttlichem Kommando unterstellen, was noch wesentlich weltfremder ist. Ich will aber das ganze Leben haben. Während sich Religion und Wissenschaft bekämpfen, hoffe ich, dass ich nicht in die Schusslinie gerate und in Ruhe mein Leben leben kann, zumindest solange dafür noch Platz ist.

Das rein biologische Menschenbild mit seinem radikalen Egoismus hat Folgen. Die Zerstörung der Welt durch Ungerechtigkeit, Resourcenverschwendung, Umweltschäden, und Krieg ist wohl längst gelaufen. Die Religiös-Radikalen halten diesen Prozess nicht auf, die mischen hier munter mit, als gäbe es außer die Welt zu zerstören sonst nichts zu tun. Hier geht es eher um die Zeit danach, und wie man die vorbereiten kann. Ver-rückte haben oft auch ihr eigenes Menschenbild, das ist meistens etwas komplizierter. Wir müssen uns oft damit auseinandersetzen, dass unbewusste Einflüsse sowohl aus der eigenen Biologie als auch aus kosmischem Geist kommen können. Die Ver-rückten sind damit nicht gefährlich, die sind eher auf dem richtigen Weg. Die Ver-rückten zeigen dir die Stolpersteine auf und weisen dir den Weg in die Zukunft. Ver-rückte haben tolle Visionen für die Zukunft, Visionen, die die eingemauerten Strukturen verlassen und so ganz neue Wege eröffnen. Gefährlich sind die Menschen, die sich eine einfache Struktur einbilden, die es so gar nicht gibt, und dann loslegen und gemeinsam alles zugrunde richten, und jeden bekriegen, der die eigenen Illusionen stört.
(Tobias Jeckenburger)