www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Seelische Heimat (T.J.)


Bin ich allein? Wer hält zu mir? Wie lebendig ist die Welt?

Wenn man wenig Geld hat, muss man sich gegenseitig öfter helfen, das fördert auch das menschliche Miteinander. Zusammenarbeit ist der einfachste Weg, wie man zueinander finden kann. Wie weit die Zusammenarbeit dann geht, ist sehr unterschiedlich. Öfter halten die Arbeitsbeziehungen nur solange, wie man für den anderen von Vorteil ist. Aber selbst dann bleibt was im Herzen übrig, und die gelebte Zeit bleibt gut, auch wenn sie vorbeigegangen ist.

Es gibt viele Organisationen, die in erster Linie das Miteinander selbst anbieten. Braucht man das Miteinander, um psychische Struktur zu haben, die man alleine nicht finden kann? Auf jeden Fall kann man die Errungenschaften der Weltkultur nicht ständig alleine neu erfinden. Aber ein lebendiger Kosmos hat auch seine Wirkung. Ein direktes Gespräch mit den Göttern ist die Grundlage jeder Religion. Kann man das nicht selber? Ist ein Eremit in seiner Höhle nur psychisch krank – oder hat er seinen Weg gefunden?

Kann man ein erfülltes Sein jenseits der Kultur einfach in der Realität der Geisteswelt finden? Tieren bleibt gar nichts anderes übrig, die haben keine Kultur, und die können auch glücklich sein. Tiere haben nur ihr eingebautes Bewusstsein in Aktion und Reaktion mit der Realität. Soweit die Realität geistiges Leben besitzt, kann tierisches Bewusstsein mehr sein als man meint. Draußen in der lebendigen Natur kann man Leben finden, das sagt mir meine Erfahrung.

So viel gibt es ja gar nicht zu tun heutzutage, erst recht nicht für Menschen, die der Arbeitsmarkt nicht haben will. Im Prinzip kann man die kostenlosen Angebote ausschöpfen und am Computer rumspielen und vor der Glotze rumhängen. Aber da fehlt was vom Leben. Was ist es am Miteinander, dass man leidet und seelischen Schaden nehmen kann, wenn man zu sehr alleine ist?

Gibt es die Alternative, dass man in einer lebendigen Welt dabei ist, ohne etwas zu tun, aber doch voll dazu gehört? Ist die Realität jenseits des Menschen geistig lebendig genug, dass man allein im Mitsein mit dieser Welt glücklich sein kann? Oder meldet sich dann der Arbeitsdrang in uns und trifft auf die Probleme der Welt, die ja offenbar existieren und Mitarbeit gebrauchen können?

Können wir nur die Einfachheit des Seins nicht ertragen, oder werden wir wirklich gebraucht? Die Antwort darauf steht aus.

So oder so, arbeiten wir an den Aufgaben der Zeit, können wir ein Miteinander gut gebrauchen. Vieles geht nur gemeinsam, und auch einsame Tätigkeiten werden durch gelegentlichen Austausch gründlicher – und vor allem herzlicher. Das sagt mir wieder die Erfahrung.

Immer wieder kommt mir der Gedanke, dass man in erster Linie an der Kultur mitarbeiten muss, weil die zahlreichen Vollidioten dieser Welt sonst noch mehr Scheiße bauen und alles zugrunde richten. Dass man irgendwann feststellt, dass das Klima völlig umkippt, der Kapitalismus vor die Wand fährt, der religiöse Wahnsinn sich durchsetzt und der 3. Weltkrieg seinen Lauf nimmt. Oder kann man sich davon doch distanzieren?

Immerhin, wenn man seine Arbeit macht, hat man nicht das Gefühl, seine Arbeit nicht gemacht zu haben. Ob es jetzt was nützt, ob es sowieso nichts nützt, oder ob es auch ohne dem gegangen wäre.

Was bleibt: mach ich doch einfach, wozu ich Lust habe. Zumindest, solange mir nichts besseres einfällt. Authentisch ist es dann auch automatisch. Oder nicht?
(Tobias Jeckenburger)