www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Schule als Motivationskiller für Abgehängte (T.J.)


Warum haben wir solche Schwierigkeiten, uns selbst zu beschäftigen? Als Kinder konnten wir das noch, anscheinend haben wir das in der Schule verlernt.

Die Berufschancen für Hauptschüler sind schon länger sehr schlecht. Der Anteil der HarzIV-Karrieren liegt teils über 50%. Da stellt sich die Frage, ob man wirklich weiterhin alles darauf setzt, dass es der einzelne Schüler doch schafft, eine Lehrstelle zu bekommen und eine anschließende weitgehend durchgängige Berufstätigkeit ausüben kann. Die Schüler, die es dann nicht schaffen, müssten ja eigentlich auch auf ihre Harz-IV-Karriere vorbereitet werden, will man an Schule den Anspruch haben, dass sie auf das Leben vorbereitet.

So wie es seit 50 Jahren in der Schule läuft, sollen die Schüler lernen, das zu lernen, was im Unterricht angesagt ist. Wer neben der Schule noch etwas anderes lernen will, muss schon ein sehr guter Schüler sein, sonst hat er einfach nicht mehr die Zeit dafür, und auch im Kopf erst mal keinen Platz mehr frei für selbst gewählte Inhalte. Wer trotzdem lieber Fußball spielen will, statt Hausaufgaben zu machen, weil ihm motorische, taktische und soziale Fertigkeiten jetzt erst mal wichtiger sind, gefährdet meistens seinen Schulabschluss. Ich zum Beispiel war als Jugendlicher ein Science-Fiction-Fan und habe statt den im Deutschunterricht angesagten kleinbürgerlichen Problembüchern lieber meine Science-Fictions gelesen. Das hätte mich auch fast mein Abitur gekostet, war aber wirklich wesentlich interessanter und auch lehrreicher als diese Bücher aus dem Deutschunterricht.

Es gibt tausend Sachen, die Kinder von sich aus gerne machen, um so das Leben von allen seinen interessanten Seiten kennenlernen. Malen, Basteln, im Garten und bei Mutter in der Küche helfen, Baustellen erkunden, Banden bilden, Sportarten aller Art, bei Papas Hobby mitmachen, um alte Menschen kümmern, Natur erkunden. Die Inhalte des Schulunterrichts sind zumeist auch von sich aus für die Schüler sehr interessant. Ich denke aber, das es ein dickes zu Viel davon gibt. Die Lernunlust, die aus diesem zu Viel an Theorie resultiert, ist weit verbreitet, und kann meistens nur durch Druck, durch Medikamente und durch Unterstützung aus dem Elternhaus ausgeglichen werden.

So unter Druck verlernen die Schüler dann völlig, von sich aus das Leben zu erkunden, und sich selbst eine gute Beschäftigung zu suchen und einfach was Interessantes zu machen, wenn sie dann später langzeitarbeitslos werden. Bei Hauptschülern kommt dann dazu, das Ihre Berufschancen ohnehin so schlecht sind, dass die Motivation am schulischen Lernen völlig zusammenbricht. Wenn dann nicht mal die Eltern noch eine Berufsperspektive sehen, ist die Hartz-IV-Karriere kaum noch aufzuhalten.

Da die Schüler aber meist dennoch verlernt haben, sich selbstständig zu beschäftigen, fangen damit die Probleme erst an. Was jetzt kommt, ist meistens Abhängen, Drogengebrauch und zu einem nicht unerheblichem Ausmaß der Beginn krimineller Karrieren. Wer zur Kriminalität mangels Eigeninitiative nicht fähig ist, landet dann bei rechtsradikalen oder islamistischen Gruppierungen. So oder so, der Schaden für die Gesellschaft, wie für die schon im jugendlichen Alter von Ausgrenzung Betroffenen selbst, ist gigantisch.

Es wäre also absolut wichtig, in der Schule die Fähigkeit zur Selbstbeschäftigung zu erhalten und zu fördern, wenn die Gefahr besteht, dass der Schüler später hauptsächlich arbeitslos sein wird. Wenn man in jungen Jahren schon lernt, selbstständig zu denken und wenn man lernt, dass auch freiwillige Beschäftigung der Anstrengung bedarf, hat man eine Basis, mit Arbeitslosigkeit zurecht zu kommen. Nur so kann man den jungen Menschen in einer Gesellschaft, die so viele Menschen zum Arbeiten gar nicht mehr braucht, wirklich gerecht werden.

Klar könnte man sagen, dass gute Facharbeiter ja fehlen, und diese faulen Schüler nur mehr lernen müssten, und alles wäre in Ordnung. Zum einen haben diese späteren Langzeitarbeitslosen aber eben gar nicht die Fähigkeit dazu, gute Facharbeiter zu werden, oder es mangelt an Unterstützung durch die eigenen Eltern, diese Fähigkeiten zu entwickeln. Außerdem glaube ich nicht, das so viele Facharbeiter fehlen, wie es Harz-IV-Karrieren gibt. Wahrscheinlich kommen auf 20 Langzeitarbeitslose gerade mal eine unbesetzte Facharbeiterstelle.

Von daher gibt es einfach keine andere Lösung, als die Menschen in der Schule auf ihr eigenes zu erwartendes Leben vorzubereiten. Und was hat das in einem Buch über psychische Krankheiten zu suchen? Psychisch Kranke werden oft nach einer vielversprechenden beruflichen Karriere dann doch langzeitarbeitslos, und sind mit den selben Problemen konfrontiert, wie die meisten Hauptschüler von Anfang an. Eine Vorbereitung auf ein Leben ohne Vollzeitarbeitsplatz schon in der Schule wäre auch bei psychisch Kranken und anderweitig später aus dem Berufsleben Herausgefallenen sehr von Vorteil.

In der Arbeits- und Beschäftigungstherapie müssen mühsam die Fähigkeiten zur Selbstbeschäftigung wieder erlernt werden, die die Schule früher in ihrem Kampf um maximale Leistungsfähigkeit beseitigt hat. Als psychisch Kranker hat man die besten Chancen auf ein dennoch erfülltes Leben, wenn man gelernt hat, sich selbst eine sinnvolle oder interessante Beschäftigung zu suchen, auch wenn man damit seinen Lebensunterhalt nicht verdienen kann.
(Tobias Jeckenburger)