www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Soll ich Religion empfehlen, oder darf ich davon abraten? (T.J.)


Wofür ist Religion? Damit die Menschen die Härte der Realität besser ertragen können, hört man. Karl Marx sagte, Religion ist das Opium des Volkes. Die Hoffnung, die vom zugemuteten Leben verweigerte Lebensqualität im Jenseits nachzuholen, ist hier entscheidend. Der Mensch kommt mit Bedürfnissen, mit einem Traum vom Leben auf die Welt. Wenn der sich nicht erfüllt, fehlt da was, es entsteht ein zuweilen riesiges Loch. Als Säugetier sind wir so programmiert, die Evolution hat uns auf ein erfolgreiches Leben und auf Fortpflanzung ausgerichtet, und hat keine Programme für das Scheitern der Existenz entwickelt. Dann hängen wir in der Luft und fühlen uns schrecklich. Die Hoffnung vom Jenseits nach dem Tod kann dann tatsächlich die Stimmung aufhellen.

Profitieren also die Religionsanhänger – oder werden die nur eingelullt? Merken die Menschen mit zunehmender Lebenserfahrung dann doch, dass die Ewigkeit nur ein Traum bleibt, verwandelt sich der Trost in Verbitterung. Denn dann ist es zu spät, etwas gegen die Verhältnisse zu unternehmen, die uns die Lebensqualität verweigert haben. Der anfängliche Trost verhindert, dass die Leute ihr Leben in die Hand nehmen und um die Erde und ihren Platz auf ihr kämpfen. Das führt dann letztlich zu einer geschundenen Welt, die von verbitterten Menschen bewohnt wird.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die religiösen Legenden zutreffend sind, wird von den meisten Menschen als gering oder fast null eingeschätzt. Um das auszugleichen, wird der Anreiz eben auf unendlich gesetzt: nicht tausend Jahre Höllenqualen, sondern ewige Höllenqualen müssen ran. Nicht einen schönen Nachklang im Himmel, nein, ewige, unvorstellbare Glückseligkeit – und das nur für die Mitgliedschaft. Das ist doch ein gutes Angebot, scheint es. Wieviel ist null Wahrscheinlichkeit mal unendlicher Schaden? Die Mathematik sagt, dass man dass nicht ausrechnen kann. Und viele Leute fallen drauf rein, offenbar.

Religion bietet Orientierung und Gemeinschaft, das ist unbestritten. Religion beendet persönliche Glaubensdiskussion. Ungewissheit auf diesem Gebiet kann sehr belastend sein. Die Verwirrung im Dickicht der Auffassungen und der vielfältigen esoterischen Strömungen kann so groß sein, dass man einen Schlusspunkt setzten will, und sich einer Kirche anschließt. Ich selber mag komplizierte Probleme, manch anderer eben gerade das nicht.

Unter Religion verstehe ich in erster Linie organisierte Kirchen oder anderweitige Gemeinschaften. Organisation macht erst die Religion, wer sich selber was zusammenstellt, und nirgendwo ernsthaft Mitglied wird, ist meiner Definition nach nicht wirklich Religionsanhänger. Es kann da Ausnahmen geben, manche Religionen tolerieren auch ein breites Spektrum von Ansichten. Die meisten organisierten Religionen verfolgen auch politische, wirtschaftliche oder sogar kriminelle Zwecke, betreiben eine eigene Organisation ihrer Gemeinschaft mit moralischen Regeln, die jenseits von Gesetz und Demokratie stehen können.

Gott wird auch gerne als Platzhalter benutzt, um sich nicht selbst um die eigenen Belange kümmern zu müssen. Anstatt sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen, betet man dafür, dass der bestehende Arbeitgeber besser werde. Das ist keine gute Option, wenn es tatsächlich bessere Arbeitgeber gibt. Ebenso wird Gott gerne benutzt, um Verantwortung für die eigenen Taten loszuwerden. Die Zumutungen, die man gegenüber der Natur und seinen Mitmenschen zu verantworten hat, werden relativiert, wenn man den richtigen Glauben hat, und damit selbst vermeintlich auf der richtigen Seite steht. Die beliebten religiösen Legenden vom baldigen Ende der Welt tun ihr übriges, dass die Religionen zur tatsächlichen Zerstörung der Welt durch die Menschen beitragen. Wer Orientierung braucht, ist hier ein gefundenes Fressen für die, die kein Gewissen haben, und ihre geschäftlichen Interessen mit religiösen Mitteln verfolgen, wenn sich die Möglichkeit dazu bietet.

Obwohl der Kampf für eine bessere Welt mit zum Programm der meisten Religionen gehört, passiert da in der Praxis nicht so viel, wie da auf dem Papier steht. Oft wird auch angeführt, dass religionslose Barbaren wie Hitler und Stalin noch rücksichtsloser und brutaler waren als gläubige Diktatoren. Das kann ich jetzt nicht so deutlich erkennen, die schon damals laufende Globalisierung und der technische Fortschritt haben die Weltkriege größer gemacht als die Kriege in den Jahrhunderten zuvor, nicht die Religionslosigkeit von Stalin und Hitler. Der Entmenschlichung von Feinden steht die Religion in der Praxis meistens nicht entgegen.

Der Kolonialismus mit seiner Zerstörung der Kulturen und seiner Sklaverei, die Unterdrückung und Hexenverfolgung in Europa und massenhaft räuberische Kleinkriege ständig und überall im christlichen Europa in den vergangenen Jahrhunderten waren genauso menschenfeindlich wie die Weltkriege. Und auch religiöse Motive hatten in den USA den kalten Krieg gefördert, der Ostblock wurde zeitweilig zum Reich des Bösen erklärt, was fast zum 3. Weltkrieg geführt hätte, mit mindestens 3 Milliarden Toten. Und die Kriege nach dem Kalten Krieg wie die aktuellen Auseinandersetzungen im Nahen Osten sind wohl auch mehr durch Religion verursacht, als dass sie durch Religiosität abgemildert würden.

Traditionell übernehmen die Religionen auch die Aufgabe, Unerklärliches zu erklären und so ihre Leute zu beruhigen. Ebenso traditionell sind diese Erklärungen im wesentlichen ziemlich unzutreffend. Die moderne Wissenschaft hat diese Aufgabe der Religionen größtenteils überflüssig gemacht. Besser man hält sich an gesicherte Erkenntnisse, das wissen auch die Kirchenführer, obwohl es da Ausnahmen gibt, z.B. Kreationisten, die die Evolutionstheorie ablehnen.

Besser, man weiß was stimmt und was nicht, und lässt sich keinen Unsinn erzählen. Auf manchen Gebieten ist es schwierig, die Wahrheit herauszufinden, woanders kann man die Wahrheit aber tatsächlich ganz gut feststellen. Ich vertrete die Auffassung, dass nur die Realität funktioniert, und dass gerade in psychischen Krisen die Realitätsprüfung das wichtigste Element ist, diese Krisen letztlich zu überwinden. Hört man auf die Worte mancher Religionsgründer, so könnte man meinen, diese seien in eine psychische Krise geraten. Die möglicherweise psychotischen Effekte sind hier groß rausgekommen, unkritisch übernommen worden und zum Teil der Religion geworden. Zumindest kommt mir als Mensch mit Psychoseerfahrung das so vor. Wir mit unseren eigenen psychotischen Effekten geraten dort in Konkurrenz dazu, wir sind damit bei den Religionsvertretern ohnehin nicht so gern gesehen. Noch ein Grund, sich als psychisch Kranker von Religionen fernzuhalten.

Psychosen haben oft märchenhafte Inhalte, wie man sie auch von Träumen kennt. Das ist dann emotional bewegend und kann sehr motivierend bzw. sehr abschreckend sein. Diese Inhalte helfen aber nur wirklich weiter, wenn man sie mit Verstand soweit in die Realität integrieren kann, das was Praktikables dabei rauskommt. Inspiration kann auch in Sackgassen oder in die Irre führen, sonst gäbe es wohl gar keinen Wahnsinn. Dafür muss man nicht mal krank sein, das kann immer passieren. Ideen, Visionen und Theorien muss man immer erst mal gründlich prüfen, bevor man sie verwenden kann. Zu den märchenhaften Neigungen des Menschen kommen noch persönliche charakterliche Mängel dazu, die den Unfug auf geistigem Gebiet fördern. Egomanie und Rücksichtslosigkeit auf der einen Seite, Duckmäuserei und die Weigerung auch in spirituellen Fragen den Verstand zu benutzen auf der anderen Seite sorgen für ein erhebliches Irrsinnspotential.

In den 70ern und 80ern nahm der Unglaube und die Kirchenaustritte immer mehr zu, kaum jemand erschien mehr zum Gottesdienst in den Kirchen. Oft habe ich damals gehört, den Menschen geht es zu gut, die Hoffnung, nach dem Tod sein Leben nachzuholen ist überflüssig geworden, und damit auch die Religion. Hat Harz4 hier die Situation der Kirchen wieder verbessert?

Kirchen sind teilweise große Organisationen mit vielen Mitgliedern und viel Geld. Sie können die Sachen in die Hand nehmen, für die sie eintreten. Hier ergibt sich die Möglichkeit, gemeinsam gute Aktionen zu starten. Machen das die Kirchen auch? Vieles im sozialen Bereich machen die großen Kirchen tatsächlich, vor allem wenn sie auch noch Geld damit verdienen können.

Verantwortung gegenüber der Schöpfung erscheint mir als gar nicht wirklich christlich, ich wüsste nicht, dass davon viel in der Bibel steht. Die baldige Apokalypse, die definitiv zur Bibel gehört, wäre ja auch ein starkes Argument, das Auslaufmodell Erde eben auslaufen zu lassen und sich nur um des Menschen Seelenheil zu kümmern. Die Öko- und Friedensbewegung wird dennoch von kirchlicher Seite durchaus unterstützt, was mich hier etwas wundert. Ist man da auf den Zug der Ökologie- und Friedensbewegung nur aufgesprungen, weil die sich gegen überflüssigen Konsum und Egoismus wehrt, was zugleich als Grund für den Mitgliederschwund auch im kirchlichen Interesse ist? Oder ist hier die Freiheit der Religionsvertreter selbst am Werk, die aus persönlicher Einsicht an Frieden und Welterhaltung arbeiten? Gott als Platzhalter zu benutzen, um Verantwortung los zu werden, kommt nicht unbedingt von den Kirchen selbst, die Gläubigen biegen sich das auch gerne selber so zurecht.

Vieles in den Religionslehren sehe ich aber auch ausgesprochen positiv, Zusammenarbeit und Liebe unter den Menschen ist auch meiner Ansicht eine gute Sache. Die Bibel ist auch ein Buch mit vielen Weisheiten, und Hoffnung ist im Menschenleben elementar. Religion kann eine spirituelle Ebene sein und einem so im Leben auch weiterhelfen. Aber eine Spiritualität, die mit unzutreffenden Dogmen erzeugt wird, greift meiner Meinung nach zu kurz und geht schnell in eine Richtung, die nicht mehr gesund sein kann. Weltfremdheit und Weltablehnung kommt nicht gut. Wenn schon Sexualität zur Sünde gemacht wird, aber die Verantwortung für die Schöpfung Nebensache ist, frage ich mich, wo hier die Vernunft geblieben ist. Wenn die Welt voller Teufelszeug ist, und sich die Leute verzweifelt in den Himmel beten wollen, sehe ich da ein lebenspraktisches Problem.

Ein Urvertrauen in die Welt kann zum Energiefluss werden, das sagt mir die Erfahrung. Du bist natürlicherweise eingebettet ins Leben, das erzeugt Verbundenheit und Vertrauen. In schwierigen Zeiten kannst du das Vertrauen verlieren, was auch die Verbundenheit reduziert. Aber wenn du Wege findest, die Schwierigkeiten zu überwinden, oder wenigstens neue Perspektiven findest, weißt du wieder was du zu tun hast, und Vertrauen und Verbundenheit können zurückkommen. Selbst wenn das Leben zu Ende geht, eine gewisse Verbindung zur Ewigkeit, die fühlbar ist und uns eigentlich immer begleitet, wirkt über die Zeit und den Tod hinaus und verbindet die Zukunft mit der Vergangenheit.

Vertrauen ins Leben zu haben, bedeutet nicht, dass immer nur Gutes passiert. Die biologische Programmierung und die Freiheiten des Menschenlebens erzeugen ein gefährliches Chaos, dass wir überall in der Welt vorfinden. Aber mit den eigenen Energien dabei sein, in die richtige Richtung arbeiten und seinen Platz im Leben verteidigen, bringt auch eine Herausforderung mit sich, die auf jeden Fall gegen Langeweile hilft. Wenn man dann aktiv wird, macht man wozu man als Mensch fähig ist, und schafft in der Gegenwart ein strukturiertes Werk, das aus verstandener Vergangenheit Lösungen entwickelt, die intelligente Fortschritte in der Zukunft ermöglichen.

Die Verbundenheit mit dem Kosmos wächst, wenn man über den Tellerrand hinaus denkt und arbeitet, und wenn man offen ist für die Energien, die in der Welt unterwegs sind. Wenn man Aktionen startet, die gut für die Welt sind, auch wenn es nur kleine Sachen sind, dann zählt das auch für das Ausmaß der Verbundenheit, die man erleben kann.

Zu glauben, dass nur der Glaube an die richtige Glaubensformel schon belohnt wird, erzeugt wohl eher nur eine zur Unkenntlichkeit verbogene Verbundenheit, in der wir dann aber gleichzeitig die Welt ruinieren dürfen. Für Duckmäuserei oder Rücksichtslosigkeit, die in die Katastrophe führt, auch noch Lohn zu erwarten, ist krass.

Die Angst vor dem Tod und die Hoffnung auf ein ewiges Leben gehören zusammen. Ein Mangel an Verbundenheit, die Grausamkeit der Unverbundenheit in der eigenen Körperlichkeit, aus der man nicht herauskommt, hat dann wohl eine schreckliche Vision vom eigenen Tod zur Folge. Hier kann ich nur empfehlen, sich nach mehr Verbundenheit in der faszinierenden lebendigen Wirklichkeit umzusehen und sich an der intelligenten Gestaltung dieses wunderbaren Planeten zu beteiligen. Sich hier gegenseitig ein ewiges Leben im Himmel, wo immer das sein soll, zu versprechen, ist sinnlos.

Die Hoffnung für das Diesseits, auch über das eigene Leben, den eigenen Ort und die eigene Zeit hinaus, das ist eine Hoffnung mit positiver Wirkung! Verbundenheit durch intelligente Mitarbeit an der Erhaltung der Erde ist in der Realität zu finden. Und soweit da für einen selbst gar nichts konkretes zu tun ist, kann man auch die Welt und die Menschen in seiner Nähe erkunden, und schafft so weitere Verbundenheit aus der einfachen Verbindung heraus.

Die Hoffnung und die Herausforderung im Diesseits und die Inbesitznahme der eigenen Gegenwart im Diesseits schafft ein Selbstbewusstsein, mit dem man auch den Gefahren ins Gesicht sehen kann, die auf uns zukommen. Je mehr gelebte Zeit man als Faktum im Leben gesammelt hat, je mehr Verbindung man gefunden hat, desto zufriedener wird man. Der Tod tut immer weniger weh, je mehr man wirklich gelebt hat. Irgendwie scheint gelebte Zeit eine Art Ewigkeit zu haben, mit der man richtig zufrieden sein kann, auch wenn die Welt weiter fortschreitet und neue Zeit die alte ablöst.

Der historische Beitrag der Religionen zur Zivilisation ist unbestritten, zumindest im Altertum und frühen Mittelalter. Wissenschaft und Demokratie sind aber wohl eher gegen den Widerstand der Kirchen durchgesetzt worden, und es gibt immer noch Kirchen, die von Wissenschaft und Demokratie nichts halten. Das gilt nicht nur für Teile des Islam, auch christliche Kirchen haben hier zuweilen ihre eigenen Vorstellungen.

Die Weltoffenheit ist ganz wichtig, wenn es darum geht, keinen Unfug anzustellen. Wie sollen wir miteinander klarkommen, wenn unzutreffende Fantasien das Reden und das Handeln bestimmen? Zivilisatorische Auswüchse sind die Folge: von sinnlosen Pyramiden als überdimensionale Grabsteine über die ergebnislosen Kreuzzüge und die menschenverachtende Sklaverei bis zum evangelischem Arbeitsethos, der in der modernen Welt über das Ziel hinausschießt und mit ständigem Wirtschaftswachstum die Ressourcen des Planeten sinnlos verbraucht und das Klima ruiniert. Die Welt ist komplex, und Weltoffenheit bedeutet auch, dass es viele Strömungen und Sichtweisen gibt. Die individuelle Sicht neben der gemeinsamen Sicht ist wichtig, um am Ende Lösungen zu finden und miteinander auf diesem wunderbaren Planeten klarzukommen.

Sich ständig gegenseitig Abgrenzen, um sein eigenes Süppchen zu kochen, muss nicht die einzige Option sein. Den anderen genau zu beobachten, hören was er sagt und einen Versuch zu machen, die Sichtweisen und die Erfahrungen miteinander abzugleichen, kann weiterhelfen. Jeder hat seine Welt, seinen Mikrokosmos, das sowieso, aber gemeinsam werden viele Strategien erst machbar. Verbindung miteinander zu finden bereichert nebenbei auch den Mikrokosmos.

Hans Küng hat mit seinem Projekt Weltethos versucht, die Gemeinsamkeit der Religionen herauszuarbeiten, damit diese statt sich zu bekämpfen zusammenarbeiten können. Dafür wurde ihm die katholische Lehrerlaubnis entzogen.

Die Starwars-Saga hat versucht, eine Religiosität im Film zu konstruieren, mit der weltweit jeder was anfangen kann. Die Macht als geistiger Hintergrund im Kosmos, mit der Verbindung zu den Menschen über spezielle Moleküle im Blut, über die die Macht mit dem Bewusstsein der Lebewesen kommuniziert, war hier die Lösung. Das erscheint mir schlauer, als so manches andere, und die Filmreihe ist auch zum Kult geworden. Die dunkle Seite der Macht sorgte dann für die für einen Spielfilm nötige Dramatik der Handlung.

Interessant ist, wie der Held der Starwars-Saga der dunklen Seite der Macht verfiel: negative Gefühle wie Angst vor dem Tod seiner Liebsten und Hass auf die Mörder seiner Mutter waren die Ursache für seinen Fall, mit katastrophalen Folgen für die ganze Galaxis. Auch eine gute Idee: die Erfolgsprogrammierung der Säugetiere produziert diese Polarität von Gut und Böse. Wenn das Leben wie vorgesehen läuft, ist alles klasse, aber wehe, das Leben funktioniert nicht wie einprogrammiert: die negativen Gefühlen gegenüber den Schuldigen der Verhinderung des Lebenserfolges kochen immer weiter hoch, und Krieg bricht aus. Die Psychologie des Menschen kann ihn ausrasten lassen, wenn das Leben nicht so funktioniert, wie es der biologischen Programmierung entspricht. Das kann man sich tatsächlich bewusst machen, und mit seinen Gefühlen so auf dem Teppich bleiben, dass man auch in fürchterlichen Zeiten noch vernünftig reagieren kann, nicht nur als Jediritter.

Man ist gut beraten, sich eine Leichtigkeit auf dem religiösen Gebiet zu erarbeiten, sich mit dem Thema wenig Stress zu machen und sich Auffassungen zuzulegen, die das eigene Leben einfach machen anstatt es sinnlos komplizierter zu machen, in Zeiten, die schon schwierig genug sind. Eine Moral auf Basis der Vernunft, auf der Basis des Wissens über unsere natürliche Konstitution, ist zur Zeit in den Demokratien auf dem Vormarsch, und das ist gut so. Dem kann man sich anschließen, und da kann man guten Gewissens mitreden, wenn man Lust dazu hat.

Die Erforschung der geistigen Effekte durch die Wissenschaft, zutreffende und brauchbare Theorien über die Realität, die den vielfältigen geistigen Erlebnissen der vielfältigen menschlichen Existenzen zugrunde liegt, könnte ja die Zukunft bringen. Parapsychologie ist schon seit Jahrzehnten ein offizielles Fachgebiet, wenn auch noch ein sehr kleines mit entsprechend wenigen Erkenntnissen, die vom Mainstream der Wissenschaft auch noch weitgehend ignoriert werden. Hier ist auf die Dauer die Wissenschaft in der Pflicht, das Geistige mit abzudecken. Es gibt in der Tat geistige Effekte, die psychotische Effekte sind, aber einfach alles als psychotische Effekte abtun, was nach Geist aussieht, ist abwegig und nebenbei auch respektlos.

Derweil mache ich mir lieber meine eigenen Gedanken. Die Wiederauflösung meiner Seele im kosmischen Meer des Geistes mit dem Tod wäre mir das Liebste, und auch das Plausibelste. Mir fällt kein vernünftiger Grund ein, was meine seelische Weiterexistenz als Person nach meinem Tod für einen Sinn haben soll.

Ich freue mich über Inspiration im irdischen Leben, weil es so besser vorwärts und in die richtige Richtung geht. Ich freue mich über die seelische Nähe zu Mitmenschen und über die Nähe zum Geist von Tieren und Pflanzen und dem Geist der faszinierenden Ökologie und Geologie dieses Planeten. Das ist ein Miteinander, welches das Leben zu bieten hat, und genau das erwarte ich instinktiv von meinem Menschenleben. Da können stumpfe moralische Vorschriften nicht mithalten, die im wesentlichen Spezialinteressen dienen, welche nicht mal meine sind. Ich hoffe auf die Unterstützung für vernünftige und intelligente Aktionen, und ich habe keine Lust, ständig irgendwelche Götter um die Erlaubnis zu leben zu fragen. Das Risiko, die Götter zu verärgern, nehme ich bewusst in kauf.

Glaube, Liebe, Hoffnung haben meiner Ansicht durchaus Bezüge zur spirituellen Realität. Auch ich glaube an etwas wie ein kosmisches Meer des Geistes. Aber ich halte wenig davon, hier allzu konkrete Aussagen zu machen. Wir können nicht wissen, wer die Götter sind. Für mich ist das eine große Welt des Unerforschten, die für die nächsten Jahrmillionen ein interessantes Forschungsgebiet bleiben wird. Geistesfreuden zur materiellen Welt und ihren Herausforderungen dazu sind real und wunderbar, bei aller Unvollkommenheit des Menschen. Gute Spiritualität hat was, aber Spekulationen und Personifikationen ohne Sinn und Verstand sind nutzlos, erst recht wenn sie sich nicht mit der Erfahrung der materiellen Welt vereinbaren lassen. Aus der realen Geisteswelt ohne Not ein Reich der Fantasie zu machen bringt keinen weiter. Ein Missverhältnis von Meinung und Realität macht vielleicht nicht krank, macht aber auf jeden Fall nicht gesund, und verursacht immer Schäden in der Lebenspraxis.
(Tobias Jeckenburger)