www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Die Abwertung von Menschen kann wie eine Droge wirken (G.T.)


Die pauschale Abwertung von einer bestimmten Gruppe von Menschen ist ein Phänomen, das in der ganzen Gesellschaft und in allen Schichten zu beobachten ist. Man spricht da auch von einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Betroffen sein können im Prinzip alle Gruppierungen z.B. Ausländer, Hartz-4-Bezieher, oder “rechte“ Unterschichtsangehörige. Wobei mir aufgefallen ist, dass meistens Angehörige einer stigmatisierten Gruppe sich wiederum an der Stigmatisierung von anderen beteiligen. So habe ich einmal einen Zeitungsartikel gelesen aus dem hervorging, dass Schwule und Lesben, die wohl eher zu den Gebildeten gehören, gerne gegen Unterschichtsangehörige, “Asis“, “Prolls“ hetzen sollen.

Vor einiger Zeit habe ich einmal auf Bibel-TV ein Interview mit einem ehemaligen Kriminellen gesehen, der zu den Christen gegangen ist. Ein Satz ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Er lautet: Im Knast hat jedes Schwein sein Unterschwein! Diesen Satz kann man meiner Meinung aber auch auf den gesamten Rest der Gesellschaft anwenden, die eigentlich nur ein Spiegelbild der Knastgesellschaft ist. Dort wird meistens nur mit anderen Methoden gearbeitet, die aber ähnlich effektiv und destruktiv sein können, z.B. Mobbing.

Ich habe mir mal die Frage gestellt, welche menschlichen Bedürfnisse mit der Abwertung von Menschen befriedigt werden. Zum einem versucht man damit wohl die Wut von Menschen auf eine andere Gruppe abzulenken. Frei nach dem Motto: Richtet eure Aggressionen gegen die anderen, weil die ja noch viel schlimmer als wir sind. Zum anderen kann damit auch das Selbstwertgefühl, welches mit einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit verknüpft sein kann, verbessert werden. Das erinnert eher an die Methode von Narzissten, die sich dadurch versuchen aufzuwerten, indem sie andere abwerten.

Auch ist die Stigmatisierung und die damit verbundene Einschüchterung ein beliebtes Kampfinstrument in der politischen Auseinandersetzung. Die Medien scheinen besonders darauf abzufahren.

Am interessantesten finde ich aber, dass die Abwertung von Menschen wie eine Droge oder wie Psychotherapie wirken kann. Sie kann zum Beispiel quälende Abstiegsängste reduzieren. Indem man z.B. Arbeitslosen die Schuld für ihre Arbeitslosigkeit zuschreibt, kann man damit eine angenehme Illusion von Kontrolle über sein eigenes Leben erzeugen. Frei nach dem Motto: Die sind ja alle dumm und faul. Das bin ich nicht und deswegen kann mir das selber nicht passieren. Allgemein spiegelt sich das auch in dem Satz „Jeder ist seines Glückes Schmied“ wieder.

Aber damit ist es noch nicht genug. Denn durch die Stigmatisierung von Arbeitslosen mindert man auch deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Damit hält man sich dann auch noch lästige Konkurrenten fern. Und das Phänomen einer sich verfestigten Massenarbeitslosigkeit ist dann auch das Resultat einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung auf gesellschaftlicher Ebene.

Allgemein kann man sagen, dass es viele Menschen zu geben scheint, bei denen die Illusion einer an sich heilen Welt und gerechten Gesellschaft nicht angetastet werden darf. So gibt es Menschen, die die Existenz von psychischen Krankheiten leugnen oder sich aggressiv gegenüber Obdachlosen zeigen. Generell spiegelt das Ganze nur die übliche moralische Verwahrlosung, Entfremdung, und Selbstgerechtigkeit in einer kapitalistischen Gesellschaft wieder. Sofern man diese Gesellschaft nicht abschaffen will oder kann, könnte die Einführung eines BGEs hilfreich sein.
(Gil Thunder)