www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Möglichkeiten und Grenzen der Selbsthilfe (G.T.)


Mit der Selbsthilfe habe ich unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Eher positive Erfahrungen habe ich in der Selbsthilfe von Psychiatrieerfahrenen gemacht. Konkret habe ich schon fast 10 Jahre kontakt zum KLuW-e.v. Ich gehe dort ein mal pro Woche zur Schreibwerkstatt und ein mal pro Monat zum gemeinsamen Frühstück. Sicher gibt es auch dort schon mal Reibereien und Meinungsverschiedenheiten, aber bisher hat sich alles klären können. Eine 100%- Perfekte Einrichtung, ob professionell oder nicht, gibt es nicht. Genauso wenig wie es den perfekten Betreuer nicht gibt. Selber ist man ja auch nicht Perfekt und dafür muss man noch nicht mal psychisch Krank sein. Allerdings sollte es meiner Meinung nach eine klare Trennung von professioneller Psychotherapie und Selbsthilfe geben. Selbsthilfe sollte, sich wie ich glaube, auf Dinge wie, Erfahrungsaustausch, lebenspraktische Hilfen und Ratschläge und die Möglichkeit gemeinsamer Aktivitäten beschränken. Einfach weil hier die Risiken kalkulierbar und vor allem Verantwortbar sind. Schlechte Erfahrungen habe ich im Suchtbereich gemacht. Ich habe deshalb mal eine Geschichte konstruiert wie es einem da ergehen kann. Diese beruht teilweise auf eigenen Erfahrungen und Dingen die ich von anderen gehört habe.
Herr K. macht seit einigen Jahren Betreutes Wohnen und erhält auch seit einigen Jahren Grundsicherung, SGB 12. Er besucht eine Kontaktstelle und ist damit im Großen und Ganzen Zufrieden. Er musste seit etwa 10 Jahren nicht mehr Stationär behandelt werden. Herr K hat eine Doppeldiagnose. Alkoholabhängigkeit und Schizophrenie. Nach einer langen Zeit der Abstinenz trinkt Herr K wieder gelegentlich, etwa 2 mal im Monat 2- 4 Flaschen Bier. Er erzählt seinem Betreuer davon und dieser Schreibt das in seinem Bericht an den Kostenträger. Dieses mal wird die Weiterbewilligung des Betreuten Wohnens an die Auflage gekoppelt eine Selbsthilfegruppe für Alkoholabhängige zu besuchen. Er macht sich daraufhin auf die Suche. Bei der Ersten wird ihm gesagt, dass er zwar kommen kann, aber nur wenn er sich bereiterkläre eine Langzeittherapie zu machen. Herr K hatte aber vor etwa 15 Jahren bereits eine Langzeittherapie gemacht. Aufgrund seiner schlechten Erfahrungen in dieser Therapie entschließt sich Herr K es bei einer anderen Gruppe zu versuchen. Bei der nächsten Gruppe wird er wegen seiner Doppeldiagnose zurückgewiesen. Anmerkung: Finde ich im Prinzip in Ordnung wenn das Bescheinigt wird.
Schließlich landet er bei den “Jüngern der Trockenheit“. Als erstes erfährt er, dass in der Gruppe nur Empfehlungen ausgesprochen werden, dass man die Empfehlungen aber Ernst nehmen solle, da man sonst mit hoher Wahrscheinlichkeit einen langsamen und qualvollen Tod sterben müsse. Dann wird ihm empfohlen die Gruppen jeden Tag zu besuchen. Des Weiteren wird ihm im Verlaufe seiner Gruppenbesuche vermittelt, das er und nur er für seine Lebenssituation verantwortlich sei. Herr K bekommt Schuldgefühle. Er fühlt sich für sein Leiden und seine Armut verantwortlich.
Vor jeder Gruppensitzung der “Jüngern der Trockenheit“ wird aus deren Literatur vor gelesen. Eines Tages wird hier gesagt, „wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“. Was nicht verwundert wenn man weiß, dass die “Jünger der Trockenheit“ aus einer protestantischen Sekte entstanden sind. Da Herr K nicht arbeitet weil er Erwerbsunfähig ist verstärken sich bei ihm die Schuldgefühle. Er meint, dass er seine Lebensberechtigung verloren habe. Herr K bekommt depressive Symptome und erzählt in einer der nächsten Gruppensitzungen davon. Daraufhin gibt man ihm zu verstehen, dass man ihn für einen Simulanten hält. „ Alkoholiker machen öfter ein auf psychisch krank“. Dieses alles kann Herr K noch irgendwie wegstecken.
Eines Tages wird das Thema Medikamente in der Gruppe besprochen. Eine erzählt davon Antidepressiva genommen zu haben und diese auf Empfehlung der Gruppe abgesetzt zu haben und dass es ihr damit nach anfänglichen Schwierigkeiten erheblich besser ginge. Ein anderer erzählt, dass der Weg von der Pille zur Pulle nicht weit sei. Und wenn man erst mal bei der Pulle sei auch der langsame und qualvolle Tod nicht mehr weit sei. Ein Mehrfachabhängiger meldet sich noch zu Wort und meint, dass man mit Psychopharmaka nicht „clean“ sei.
Herr K meldet sich und räumt ein Neuroleptika nach ärztlicher Verordnung zu nehmen und das diese nicht Abhängig im Sinne einer Sucht machen würden.
Daraufhin wird ihm entgegnet, dass die meisten Ärzte und Betreuer keine Ahnung von “Alkoholismus“ haben und nur sie die „Jünger der Trockenheit“ die wahren Suchtexperten seien. Kompetente Arzte seien nur diejenigen, die mit den „Jüngern der Trockenheit“ zusammenarbeiten würden. Herr K. spielt ernsthaft mit dem Gedanken seine Medikamente abzusetzen. Er würde aber lieber mit seinem Betreuer noch mal darüber sprechen.
Er ist aber streng dazu angehalten worden in der Gruppe gesagtes nicht nach außen zu tragen. Auch hat er im Verlaufe der Gruppensitzungen viel von sich preisgegeben und muss seinerseits darauf hoffen, dass dieses nicht weitererzählt wird. Also entschließt sich Herr K. die Medikamente ohne ärztlichen Rat abzusetzen.
Es dauert nicht lange und Herr K wird psychotisch. Er hört Stimmen die ihn als Sozialschmarotzer beschimpfen und ihn auffordern sich Umzubringen was nach der vorausgegangenen Gehirnwäsche wohl nachvollziehbar ist. Zum Glück merkt sein Betreuer das rechtzeitig und schickt ihn in einen psychiatrische Klinik wo er dann 7 Monate behandelt werden muss. Während des stationären Aufenthalts erzählt er davon was ihm bei den „Jüngern der Trockenheit“ widerfahren ist. Da er psychisch krank ist wird er aber nicht für voll genommen.
Dass die „Jünger der Trockenheit“ Verantwortung dafür übernehmen ist nicht zu erwarten weil nach deren Ideologie ja jeder für sich selbst verantwortlich ist.
Stigmatisierung, Diskriminierung und soziale Benachteiligung werden in den Gruppen tabuisiert.
Der Einwand, dass die Teilnahme an den Gruppen ja freiwillig sei ist reiner Zynismus. Noch Heute werden Leute von ihren Lebenspartner, von Behörden, von Richtern und von Arbeitgebern gezwungen “Selbsthilfe- Gruppen“ zu besuchen.
Dadurch dass die Gruppen Teilnahmebescheinigungen ausstellen ist bewiesen, dass die Teilnahme eben nicht immer freiwillig ist.
Meiner Meinung sollten diejenigen die diesen Zwang ausüben für eventuelle Schäden haftbar gemacht werden. Ein Monat stationärer Aufenthalt dürfte grob geschätzt 10000 Euro kosten. Dann würden die Leute nicht so leichtfertig in solche Gruppen geschickt.
Möglicherweise ist die Selbsthilfe an sich eher positiv zu bewerten. Aber klar ist auch, dass manche Gruppen für manche Leute nicht nur ungeeignet sondern auch schädlich sind, 1990/1997 Peter Daum.
Das widerspricht sich mit dem herrschenden Dogma, Selbsthilfe sei immer gut.
Im Gegensatz zum Betreuten Wohnen hat man in der Selbsthilfe keine offizielle Beschwerdemöglichkeit. Selbsthilfegruppen können praktisch machen was sie wollen und sind so gut wie keiner Regulierung unterworfen. Da kann man da schon mal mit eingespielten Kadern von indoktrinierten Personen konfrontiert werden die die Suchtproblematik missbrauchen um einem religiöse Inhalte zu vermitteln und alles für krank erklären was von ihrer Ideologie abweicht.
Bedauerlicherweise zwingen einige Entgiftungsstationen immer noch die Patienten an Informationsveranstaltungen von solchen Gruppen teilzunehmen.
Was meiner Meinung nach rechtlich sehr zweifelhaft seien dürfte, zumindest aus datenschutzrechtlichen Gründen. Solange das anhält darf man wohl anzweifeln ob es sich bei der Suchtmedizin um eine seriöse Therapie handelt.
Das Abstinenzparadigma beginnt auf der Grundlage von empirischen Untersuchungen, gegen den erheblichen Widerstand von Fundamentalisten die nur ihre Ideologie entgegenzusetzen haben, langsam zu bröckeln. Aber Vorsicht, solche Organisationen sollte man nicht unterschätzen! Es gibt dort einige Fanatiker und Fundamentalisten denen alles zuzutrauen ist. Wenn man tief davon Überzeugt ist, bei der kleinsten Menge Alkohol einen Kontrollverlust zu erleiden, kann der weitere negative Verlauf auch zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Und der Rückfall gehört nun mal zum Krankheitsbild. Trotzdem sollten einige versuchen abstinent zu Leben. Bedauerlicherweise scheint es noch keine Selbsthilfegruppen für kontrolliertes Trinken, und für Leute mit Doppeldiagnose zu geben.
Herr K., die Geschichte mit der Auflage vom Kostenträger, und die „Jünger der Trockenheit“ sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Gruppen sind nicht zufällig und durchaus beabsichtigt.
(Gil Thunder)