www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Existenzielle Grundschuld (T.J.)


Wahnsinnige galten zu vorchristlichen Zeiten und noch bis ins frühe Mittelalter hinein teils als Heilige und wurden verehrt, aber später galten sie immer öfter als teuflische Kumpanen und wurden verbrannt. Die Bevölkerung hat übernommen, was von der Kirche kam, und hat bei Gelegenheit fleißig Menschen denunziert. Die Grundschuld, hier mit dem Teufel zu tun zu haben, rechtfertigte die völlige institutionelle Empathielosigkeit, die Qualen der Folter wurden nicht wahrgenommen, der Tod im Feuer tat der Seele gut, meinte man.

Das Spiel mit einer existentiellen Grundschuld kann sich verselbständigen. Ein Schuldkomplex ist schnell aufgebaut, darf man da noch an sich selber denken? Darf man auch Interessen haben, die als verquer gelten, z.B. gerne Saufen oder Rauchen, oder gerne Faulheit und Wellness pflegen ohne finanziell ausgesorgt zu haben, oder darf man mit Hierarchien am Arbeitsplatz nicht klarkommen?

Gehorsam wird hier gefordert, wir sollen passen, die Leistungsgesellschaft fordert alle. Staatliche Strukturen haben einen Hang, gegen Freiheit vorzugehen. Wo man sich sicher ist, dass man nicht bestraft werden wird, entfällt das Schuldgefühl. Im Staatsdienst ist daher meistens alles erlaubt, Gewissensbeschränkungen bleiben die Ausnahme.

Eine Existenzielle Grundschuld aufbauen macht Stammkundschaft, das hat eine lange Tradition und ist auch heute noch aktuell:

Die Erbsünde Sexualität in christlichen Kirchen
Die Alkohollust und Drogenlust in der Suchttherapie

In der Psychotherapie wird von Grundschuldlasten reichlich Gebrauch gemacht:
Die verkorkste Kindheit bei allen Anlässen
Die Pflicht zur Verzeihung von unverzeihlichen Erlebnissen
Die vorsprachliche Entwicklungsstörung bei Psychosen
Die Wahrnehmung von Nichtexistentem bei Psychosen
Das Faustrecht in der Milieutherapie
Die Arbeitsunwilligkeit bei Asozialen
Die Persönlichkeitsstörung wenn sonst nichts vorliegt
Generalverdacht Narzissmus bei jeder Art des Widerstandes
Dein Gehirn will sich nur gut fühlen, gegen jede Vernunft, als Universaljoker

Allgemein als Grundschuld geeignet sind Sachen, zu denen man schon Lust hat, die aber irgendwie als verboten gelten und Probleme machen. Auch wenn die Probleme oft gar nicht so groß sind kommt dann die Totalforderung: du darfst das nicht haben. Du hast es aber, ohne die geringste Chance es nicht zu haben. Du musst alles versuchen, was verlangt wird, und kommst doch nie aus der Nummer raus.

Wo man Menschen mit einer Grundschuld erwischt und sie in seine Gewalt bekommt, wird vieles möglich. Die krankhafte Suchtpersönlichkeit darf zertrümmert werden, die Arbeitsethik darf als Kampfinstrument verwenden werden. Jeder ist nur soviel Wert, wie er verdient, wird als Grundlagenethik stillschweigend vorausgesetzt. Taschengeldauszahlung an Bedingungen zu knüpfen ist eigentlich Illegal, wird aber trotzdem versucht. Wie es dem Menschen dabei geht, spielt nur eine Rolle im Lichte des Therapieerfolges.

Moralische Verpflichtung wird mit institutioneller Gewalt gemischt. Die Schuld wird dir eingeredet, weil du nicht arbeitest, und die Schuld wird dann eingesetzt zur emotionalen Erpressung. Der Begriff Tagesstruktur wird als Umschreibung für Arbeitsverpflichtung verwendet, Zwangsarbeit wird zu Therapie umbenannt. Die sozialpädagogische Arbeitsromantik kann einen ankotzen, über die vielen Jahre und Jahrzehnte, in denen man sich als psychisch Kranker das immer wieder anhören muss. Die Würde wird hier ernsthaft beschädigt, das kann bis in den Selbstmord führen.

Was richtig und falsch ist, bestimmen oft die Mächtigen. Schade um den wirklichen Wert der Arbeit. Arbeit kann gute Tat sein, und hat einige Vorteile für Dich selbst. Geld kann man gut gebrauchen und etwas weniger schlafen, als schlafen bis nicht mehr geht ist positiv aktivierend. Wenn man es schafft selbstständig aktiv zu sein, muss man aber gucken: zwischen rumklüngeln und sich selbst zu viel Druck machen ist oft nur ein schmaler Grad guter Selbstdisziplin.

Und wenn die weltliche Schuld nicht ausreicht, kommt noch die religiöse Schuld dazu. Von den Baptisten und anderen Christlichen Kirchen, die aus den USA herüberkommen, hört man: Wer ein gottgefälliges Leben führt, dem geht es auch wirtschaftlich gut. Je mehr Geld man hat, desto gottgefälliger muss man demnach ja sein. Wer effektiv abzockt, hat den Herrn auf seiner Seite. Und der kann auch mehr Kirchensteuern zahlen. Im vorherigen Leben was Schlimmes gemacht zu haben, dass man in diesem Leben mit seinem Leid abarbeiten muss, das müssen sich Behinderte in Hilfseinrichtungen der Antroposophen anhören. Die Suche nach dem Warum im Leben treibt ihre Blüten, wie es gerade passt.
(Tobias Jeckenburger)