www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Die Eignung für den 1. Arbeitsmarkt (T.J.)


Viele psychisch Kranke versuchen lange Jahre verzweifelt wieder auf den 1. Arbeitsmarkt zu kommen. Öfter führt das dann zu weiteren Krisen, bis irgendwann die Frage endlich vom Tisch ist, und sich die emotionale Lage bei diesem Thema entspannt. Natürlich ist es wichtig für den sozialen Status wieder auf den 1. Arbeitsmarkt zu kommen. Dann kann man hoffen, vom alten sozialen Umfeld wieder anerkannt und respektiert zu werden. Meistens ist das sogar die einzige Lösung dafür – aber es klappt einfach nicht mit dem Arbeitsplatz.

Dafür gibt es jede Menge Gründe und Ausschlußfaktoren:

Wenn man keine gute fachliche Qualifizierung hat.
Wenn das eigene Fach sowieso überlaufen ist.
Wenn man länger als 12 Monate starke Psychopharmaka bekommen hat.
Wenn man länger als 12 Monate kaum was gemacht hat.
Wenn man sozial unverträglich ist oder geworden ist.
Wenn man etwas spinnt, oder Phasen mit großer Lustlosigkeit hat.
Wenn man schlecht aus dem Bett kommt.
Wenn man zu psychosomatischen Effekten bei Belastung neigt.
Wenn man Angststörungen entwickelt hat.

Sollte man diese Probleme tatsächlich alle gelöst haben, braucht man auch noch einen Arbeitgeber und auch Arbeitskollegen, die auch glauben, dass man diese Probleme nicht hat. Im Prinzip reicht schon einer dieser Ausschlussfaktoren, dass man auf dem 1. Arbeitsmarkt nichts mehr bekommt bzw. wieder entlassen wird, wenn sich eins dieser Probleme zeigt.

Natürlich gibt es viele Menschen, die nur kurz weniger psychisch krank sind und vorher ein begehrter und erprobter Arbeitnehmer waren, und nach einer episodischen Behandlung medikamentenfrei ihrem alten Beruf wieder nachgehen können. Das sind Menschen die Glück gehabt haben, dass sie gar nicht erst in den richtigen sozialen Stress geraten sind, der einer schwerwiegenderen psychischen Krankheit meistens folgt.

Wenn man fachlich in einem Fach hochqualifiziert ist, wo dringend Leute gesucht werden, hat man ausnahmsweise viel bessere Chancen. Wenn der Arbeitgeber keine Berührungsängste hat, wird er sich darauf einlassen, dass man in Teilzeit anfangen kann, und ganz nach aktueller Leistungsfähigkeit arbeiten kann. Dann kann man langsam seine Leistungsfähigkeit durch das dafür nötige Training steigern, bis sich das in ein paar Jahren zu einer Vollzeitstelle entwickeln kann.

Das gilt hier auch für den Ex-In Bereich, der sich zur Zeit zu etablieren scheint. Denn Ex-In geht nur mit Kranken, hier sind wir tatsächlich konkurrenzlos hochqualifiziert, das kann dann doch etwas werden. Mittlerweile sind in NRW reichlich sozialversicherungspflichtige Stellen für Ex-Inler entstanden, die eine gute Perspektive bieten und eine überaus brauchbare Ergänzung der Arbeit der Professionellen sind.

Ansonsten gibt es reichlich gesunde Langzeitarbeitslose, und auch noch viel mehr Geringqualifizierte, die trotz Arbeit kaum Geld verdienen. In dem Milieu da noch einen vernünftigen Arbeitsplatz abzubekommen, ist kaum möglich.

Ansonsten passiert hier de Fakto einfach immer wieder, was in der ganzen Gesellschaft und International überall schief läuft. „Ihr müsst konkurrenzfähig werden, dann lösen sich alle Probleme“. Egal wo, ob Schule, Maßnahme der Arge, ob Jugendorf, Knast, Psychiatrie, Forensik, Drogentherapie, Behindertenwerkstatt. Überall dasselbe, man hat sich eigentlich abgefunden, am Rande der Gesellschaft zu leben, mit entsprechenden Ausfällen und Problemen. Und dann: ach, der arme sozial Benachteiligte, der braucht doch Hilfe. So wird man mit allerlei Maßnahmen aus der Depression geholt, wieder scharf gemacht mit der Hoffnung Arbeit zu bekommen, um am Ende wieder leer auszugehen. Die soziale Katastrophe wiederholt sich mehrmals, der begleitende emotionale Prozess in den Betroffenen auch. Irgendwann kennt man das dann.

Was bleibt, ist einfach schöne Sachen zu machen, Kunst oder Basteln etwa. Es lohnt sich, sich irgendetwas interessantes zu suchen, etwas, was man einfach machen kann, ohne jemanden fragen zu müssen. Gut ist es, wenn man die Selbstdisziplin hat und genug und konzentriert arbeitet, dass man vorwärts kommt. Wenn man die Disziplin nicht hat und zu viel Zeit vertrödelt, oder die Dinge technisch nicht alleine hinbekommt, kann man auch in Tagesstätten oder Behindertenwerkstätten ganz gut bedient werden. Dort herrscht meistens wenigstens ein gutes Arbeitsklima, auch wenn die Bezahlung zu wünschen übrig lässt. Wenn man mit seinem Geld gut auskommt, kann man sich auch auf die Suche nach ehrenamtlicher Arbeit machen, da hat man auch nicht so viel Konkurrenz.
(Tobias Jeckenburger)