www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Den Bruno haben sie wieder festgeschnallt (J.W.)


Den Bruno haben sie wieder festgeschnallt und festgebunden,
ja, fixieren nennen die das.
Es ist zu seinem Schutz geschehen.

Und einige Zeit später, hat er sich umgebracht,
hat wohl wieder einen impulsiven Durchbruch gehabt.

Und er musste um seine Pinkelpulle kämpfen,
die er dann auch bekommen hat.

Ja, da sind wir Männer den Frauen gegenüber in dieser Hinsicht im Vorteil.
Mehr sage ich dazu nicht,
sage nicht, was mir mehrere Frauen zu diesem Thema berichtet haben.

Ja, den Bruno haben sie wieder festgeschnallt,
und dann doch wieder losgebunden und losgelassen.

Ja, der Bruno ist Drehtürpatient im ehemaligen Landeskrankenhaus gewesen.

Ja, den Bruno haben sie wieder festgeschnallt,
ja, er hat wieder etwas kaputt gemacht,
oder sich sogar selbst verletzt,
doch Anderen hat er noch nie was getan.

Ja, den Bruno haben sie wieder festgeschnallt.
Es hilft nichts. Ja, sie lassen ihn doch wieder los.

Ja, er braucht sich bei seiner Familie nicht mehr blicken lassen.
Denn dass er verrückt ist, hat er jetzt amtlich durch den Beschluss bekommen. Und dieser ist sehr ernst zu nehmen, vor allen Dingen seine sozialen Folgen.

Ja, den Bruno haben sie wieder festgeschnallt.
Sie vermitteln ihm das Gefühl, dass er ist nichts wert und selber schuld ist.
Ja, mit einem richterlichen Beschluss ist nicht zu spaßen.

Ja, den Bruno haben sie wieder festgeschnallt,
und dabei die ganze Verantwortung bei ihm stillschweigend abgeladen.
Wie kann es auch anders sein: ich höre ganz laut und deutlich sein stillschweigendes Schreien, was sonst niemand anderes hört,
nicht mal er selbst.
Ja, Bruno fühlt sich wie ein ganz armes Würstchen oder Schwein.
Und das nagt an seinem Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl.
Er fühlt sich von seinem sozialen Umfeld nicht mehr ernst genommen,
ja er fühlt, dass er ist nicht mehr willkommen.

Ja, den Bruno haben sie wieder festgeschnallt.
Es heißt, es ist zu seinen Schutz geschehen,
daher legitim.
Wie kann es auch anders sein.

Ja, den Bruno haben sie wieder festgeschnallt.
Und nach anderthalb bis zwei Stunden war der Spuk bei ihm vorbei,
und er durfte wieder auf sein Zimmer gehen.
Und der Platz in der Wachkabine ist jetzt für jemand anderen frei.
Ja, so was ist hier Alltag.

Ja, den Bruno haben sie wieder festgeschnallt.
Ja, er ist wieder psychotisch und verrückt in der Klinik angekommen und aufgenommen worden.
Und er weiß genau, dass das in diesem seinem jetzigen Zustand der beste Ort ist, wo er sein kann.
Wo soll er auch sonst hin?

Ja, den Bruno haben sie wieder festgeschnallt.
Und er hat sich nicht gewehrt, er hat es zugelassen und mit sich geschehen lassen.

Ja, den Bruno haben sie wieder festgeschnallt.
Denn er hat seine Aggression bei sich nach innen gerichtet, und praktiziert jetzt das selbstverletzende Verhalten.

Ja, den Bruno haben sie wieder festgeschnallt.
Er kennt das alles schon. Es ist nicht zum ersten Mal geschehen.

Ja, den Bruno haben sie wieder festgeschnallt.
Und mittlerweile ist eine Sitzwache Pflicht,
es sei denn, du bist in der Wachkabine untergebracht,
und da kann man dich von ihrem Dienstzimmer aus sehen.
Das ist, glaube ich, nicht schwer zu verstehen.

Ja, den Bruno haben sie wieder festgeschnallt.
Er fühlt sich von der Gesellschaft hier entsorgt und hier abgeladen,
denn sein früheres soziales Umfeld will nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Ja, den Bruno haben sie wieder festgeschnallt.
Immerhin versteht ihn sein neues soziales Umfeld doch,
denn es besteht fast ausschließlich aus anderen psychisch Erkrankten, die er hier im Krankenhaus hat kennen gelernt, hat kennen lernen dürfen
und die verstehen ihn,
denn sie sind selber schon hier in diesem Krankenhaus diesen Weg gegangen, und fixiert worden.

Ja, den Bruno haben sie wieder festgeschnallt.
Und er kennt das schon, denn es ist nicht zum ersten Mal geschehen.
Ja, er weiß genau, in diesen Situationen ist Widerstand zwecklos und daher nicht angezeigt und angebracht, und daher auf gar keinen Fall praktikabel.
Wenn du dich wehrst, machst du, wird alles nur noch schlimmer.
Die forensische Medizin wartet schon.
Und da will er auf gar keinen Fall hin.

Ja, weinen, lachen und wütend sein darfst du im stationären psychiatrischen Setting nicht, warum, weiß ich nicht und kann es dir daher nicht sagen,
bist du erst mal da, ist es zu spät für Fragen.

Drum nimmst du vom Leben, was für dich übrig bleibt,
und träumst von der Teilhabe am Leben,
so wie es früher einmal vor deiner Erkrankung war.
Und du weißt genau, dass dies wird in diesem deinem jetzigen Leben nicht mehr geschehen, denn du kannst die Uhr,
deine Uhr des Lebens nicht mehr zurückdrehen.
Denn du bist jetzt von der Gesellschaft eingeordnet in die Kategorie schizophren und gefährlich und nicht mehr zurechnungsfähig,
denn wir wissen alle, dass du nicht ohne Grund festgeschnallt worden bist.
Und niemand kann mehr wirklich was für dich tun.
Es ist zu spät, dein Leben ist gelaufen, du bist unwiderruflich gescheitert,
das ist das, was du jetzt bist und darstellt.
Und zu guter Letzt übernimmst du das über dich gefällte Urteil,
was dein restliches übriggebliebene Selbstwertgefühl ganz zerstört.
So ein Pech.
Es scheint, als kämest du aus diesem Teufelskreislauf, dieser Abwärtsspirale nicht mehr raus, oh Graus!!

Ja, den Bruno haben sie wieder fest geschnallt.

Und,...
Und du wirst es mir, glaube ich, glauben, nachdem du hast, das was ich geschrieben hab, gehört und gelesen:

Dass dies mir Angst macht!!

(Jonas Winter)