www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Tante Toni und ihr Gärtner (I.J.)


Tante Toni war seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet mit einem Gärtner, der für die Stadtgärtnereien arbeitete. Sie lebten eine glückliche Ehe, wenn auch der ursprüngliche Schwung in der Liebe vorbei war und nur noch auf Sparflamme kochte. Dies, weil Tante Toni, streng katholisch, auf alles Fleischliche verzichtete, seitdem sie wusste, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Der Gärtner, Leo, ging jeden Tag seiner Arbeit nach. Er hatte einen grantigen Chef, dem nichts gut genug war. Außerdem schickte er Leo von Stelle zu Stelle, ohne irgendein Konzept. Leo wurde darob so launisch, dass er seine Arbeit nur noch oberflächlich verrichtete. Die Tage bis zur Rente waren gezählt.

Heute nun bekam Leo Order, den Rasen im Luftbad zu schneiden. Er trat pünktlich um acht Uhr morgens seinen Dienst an. Das Bad war menschenleer. Leo holte den Rasenmäher aus dem Geräteschuppen und begann Reihe für Reihe den Rasen zu mähen. Auf einmal traute er seinen Augen nicht. Da lag doch ein nacktes Weib auf dem Rasen, blühend rot der Venushügel vor ihm, ein Achtmonatsschwangerschaftbauch wölbte sich genüsslich in den Himmel, quoll vor ihm auf. Ein monströser Busen hing zu beiden Seiten des Urweibes. Entsetzt mähte er um die sich windenden, sich öffnenden Beine. Die Schluchten einer lila-roten Vulva näherten sich ihm gierig. Sie wollten ihn verschlingen. Er schüttelte die Vision von sich und fuhr fort mit dem Rasenmähen, Grashalm für Grashalm. Doch kaum war er fünfzig Meter weit gegangen, schon lag da eine Blonde in der gleichen Position. Nur die Haare hatten eine andere Farbe. Das Gold glänzte zwischen den Fleischbacken. Das zuckende Fleisch wollte ihn aufsaugen, stürzte auf ihn zu. Es gab kein Ausweichen. Er war fest im Schlund des Goldengels. Keine Rettung. Er verlor sich zwischen den Beinen der Blonden und sah schon weiter vor sich eine Brünnette, die sich vor seinen Augen schamlos weidete. Leo wusste nicht, wie ihm geschah. Seine Hose klebte. Sein Phallus ragte ins Weite hinaus. Das Sperma schoss in die Welt.

Erschöpft wachte Leo auf. Er lag im Gras. Der Rasenmäher summte daneben. Leo blickte auf die grüne, leere Wiese und sah drei kleine Grashügel, die er nicht gemäht hatte. Er verstand nichts mehr. Da kam auch schon der Luftbadbesitzer auf ihn zu. "Was haben Sie da gemacht? Sie sind entlassen!" brüllte dieser Leo an. Leo trottete wie ein begossener Pudel von dannen. Er zog sich in der Umkleidekabine um und machte sich auf den Weg zur Straßenbahn.

Im ersten Wagen stehend wurde ihm schwindelig, als er die vielen nackten Leute sah. Hängebäuche, Hängebusen, alles waberte um ihn herum. Er schluckte zweimal, doch die Bilder verschwanden nicht. Alles war nackt. Er raste von der Straßenbahnhaltestelle nach Hause. Dort fiel er Tante Toni in die Arme, die ihn als den leidenschaftlichen Liebhaber wiedererkannte, der er vor Jahren einmal gewesen war. Leo riss Toni die Kleider von Leibe und rammelte sie fast zu Tode. Die Explosion vor seinen Augen befreite ihn schließlich von den Einbildungen und er kam wieder zu sich. Tante Toni wischte sich verwundert die Tränen von den Wangen. Was war geschehen?
(Ingrid Jacob 06.11.1997)