www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Tod und Sterben (T.J.)


Tiere haben auch Angst vorm Tod, aber nur wenn er unmittelbar bevorsteht. Nur der Mensch plant alles vor, auf Monate und Jahre, und fragt sich jeden Tag: was mache ich dann, und danach, und was dann und so weiter. So fragt er sich automatisch, was er machen soll, wenn er tot ist, fragt sich, was dann kommt. Das ist so in uns eingebaut. Das Vorplanen ist wichtig, das macht den Menschen aus. Aber in diesem Fall ist es sinnlos, weil nach dem Tod nichts mehr kommt, was einer Planung oder einer Vorbereitung bedarf. Die Probleme, die der Mensch mit dem Sterben hat, sind eigentlich nur eine unangenehme Nebenwirkung unserer Lebensweise als planende Spezies.

Das muss man sich mal klar machen. Denn es gibt da viele Fallstricke mit diesem Thema. Erstmal hält die Angst vor dem Tod davon ab, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Und dann lauern da jede Menge Geschäftemacher, die diese Schwäche gnadenlos ausnutzen. Das geht von Heilberufen, die einem Maßnahmen verkaufen, die wenig nützen über Regierungen, die für den Schutz vor Terroranschlägen die Freiheit einschränken bis zu allerlei religiösen Akteuren, die meistens irgendein ewiges Leben versprechen, und manchmal sogar mit ewiger Verdammnis drohen, wenn man nicht zahlendes Mitglied wird.

Das Geschäft mit dem ewigem Leben hat eine lange Tradition. Ich denke, dass dieses Gewerbe noch wesentlich älter ist als das horizontale Gewerbe, das gemeinhin als ältestes Gewerbe der Welt gilt. In allen bekannten Steinzeitkulturen war es die Funktion des Schamanen, neben dem Behandeln von Krankheiten und anderer praktischer Angelegenheiten des Diesseits die Pflege des Jenseitigen zu praktizieren. Ein Weiterleben nach dem Tod als Ahnengeist war meines Wissens ausnahmslos mit im Angebot. Archäologen vermuten, das sich die Menschen seit mindestens 30.000 Jahren mit der Idee des Lebens nach dem Tod beschäftigen.

Die älteste noch bestehende Organisation der Welt ist ebenfalls in diesem Gewerbe tätig. Die katholische Kirche meint doch tatsächlich, dass angesichts ihrer eigenen Untaten im Mittelalter und darüber hinaus es ein Wunder ist, dass sie heute noch existiert. Dass sie so lange durchgehalten hat, müsse ein Beweis für die massive Unterstützung durch Gott sein. Ich denke, dass diese Erklärung nicht nötig ist. Das Geschäftsmodell der Katholischen Kirche ist einfach perfekt: Du verkaufst den Menschen das Ewige Leben gegen kostenpflichtige Mitgliedschaft und Gehorsam, und musst überhaupt nichts liefern. Und niemand konnte sich je beschweren, dass er seine Lieferung nicht erhalten hat und nach Strich und Faden betrogen wurde. Ein besseres Geschäft gibt es nicht, deswegen hält das Jahrtausende, auch wenn das Ausmaß des finanziellen Profits sich schon über die Zeiten ändert. Konkurrenz senkt auch hier die Preise.

Die Religionen selbst meinen natürlich, dass sie auch den Menschen kultivieren, und damit Barbarei verhindern. Da ist etwas dran, aber ich denke nicht, dass das heute noch wesentlich ist. In modernen, technisierten Zeiten braucht es Menschen mit genereller Verantwortung im Tun, die 10 Gebote oder die Scharia sind hier nicht ausreichend. Auch die übertriebene Sexualmoral der religiösen Gesetzeswerke sind in Zeiten von staatlicher Unterstützung für Kinder, Arme und Alte so nicht mehr nötig. Jura ist ein sinnvolles Studienfach, und die Professoren dort haben genug Ahnung, um zu wirklich vernünftigen Ergebnissen kommen zu können, was die Regeln des Miteinanders betrifft. Die Regelwerke moderner Demokratien sind sehr detailliert, und beinhalten die Elemente der religiösen Gesetzeswerke, soweit sie heute noch sinnvoll sind.

Als Richtschnur und Inspiration mag die Religion manchem noch sinnvoll erscheinen. Man bedenke dabei, dass Inspiration immer die Vernunft braucht, das auch einzuordnen und konkret zu füllen. Diese Einordnung sollte man möglichst nicht den zuständigen Kirchenkommissionen überlassen, das kann man selber machen.

Wofür überhaupt ewiges Leben? Klar, das Leben ist recht kurz, aber so kurz jetzt auch wieder nicht. Spätestens nach 150 Jahren würde ich mein Menschenleben absichtlich beenden, um Platz und Raum für neue Menschen zu machen, und weil ich keine Lust mehr hätte. Was soll ich mit der Ewigkeit? Eine biologische Existenz ist auf Essen und Reproduktion ausgelegt, Ewigkeit passt dazu gar nicht.

Nicht dass ich mit Spiritualität nichts anfangen könnte. Ich denke, wir sind ein Teil der Innensicht des Universums. Wir haben eine Ahnung davon, ein Teil vom Weltengeist zu sein. Eine Todesphantasie, in der mit dem eigenen Tod die gesamte Innensicht des Universums zu Ende geht, ist mit Recht unerträglich. Ich stelle mir da eher den Tod als eine Auflösung der kleinen Innensicht als Lebewesen in der großen Innensicht des Universums vor, sozusagen eine Auflösung meiner kleinen Seele im kosmischen Ozean. Das ist mir angenehm und das ist mir gleichzeitig plausibel. Ich versuche das mal zu erklären:

Das Material, aus dem wir bestehen, zirkuliert frei im Ökosystem des Planeten. Wenn wir heranwachsen, setzt sich nach und nach aus einfachen Molekülen unser Körper zusammen. Während wir leben, nehmen wir ständig Material auf, verarbeiten es und geben es wieder zurück in den Kreislauf. Mit dem Tod dienen wir erst anderen Lebewesen wie Würmern und Bakterien als Nahrung, bis unser Material sich nach und nach wieder im Ökosystem verteilt.

Dieser Materialkreislauf ist doch ein gutes Modell, wie es auch mit der Innensicht des Menschen, seiner Seele, inmitten eines geistigen Kosmos, verstanden als der großen oder allgemeinen Innensicht des Kosmos, laufen könnte. Unsere Seele entsteht aus Weltengeist, bleibt ein Leben lang im Austausch mit dem Weltengeist, und löst sich nach dem Tod wieder im Weltengeist auf. Leben selbst im Augenblick des Seins ist hier nicht alleine isoliert, sondern Innensicht inmitten von Innensicht der anderen, der Lebenden und darüber hinaus. Diese Sicht des Lebens und des Todes ist wohl nicht der Weisheit letzter Schluss, aber meiner Erfahrung nach zumindest praktikabel. Was jetzt wirklich wahr ist, ist eine Frage, die zu schwierig ist. Ich glaube, dass kann man als Mensch nicht verstehen.

Brauchen wir einen guten Tod, einen guten Abschluss unseres Lebens, dass wir auf ewig mit uns zufrieden sein können? Ich glaube, das gehört zu der Idee des ewigen Lebens, die ich nicht teilen kann. Aber gute Zeiten im Leben sind in jedem Fall eine gute Sache. Die Vergänglichkeit von guten Zeiten gehört zum Leben dazu, so geht es der ganzen Biologie auf unserem Planeten. Soll das Leben an sich sinnvoll sein, sollte die Vergänglichkeit den erlebten guten Zeiten nichts anhaben können. Irgendeine Idee von dem Fortbestand gelebter Zeit, in dem diese unvergänglich abgelegt ist, wäre hier hilfreich. Die traditionellen Vorstellungen vom ewigem Leben liefert ja den Erhalt der Erinnerungen an das vergangene Leben in irgendeiner Form mit, schon deshalb können wir hier Ersatz gebrauchen, wenn wir auf Religion verzichten wollen.

Rein physikalisch gesehen lässt sich die Vergangenheit gar nicht als verschwunden definieren. Der Zeitpfeil von der Vergangenheit bis in die Zukunft enthält den ständig wandernden Zeitpunkt der Gegenwart in sich, aber die Wirklichkeit lässt sich überhaupt nicht auf den Punkt des Jetzt reduzieren. Also ist im Prinzip die Vergangenheit nicht aus der Welt, genauso wie die Zukunft real ist, ist die Vergangenheit auch real. Man kann sich materiell nicht zurück in die Vergangenheit bewegen, das muss in der Geisteswelt nicht genauso sein. So darf ich davon träumen, dass meine einst sorgfältig und mit viel Mühe gelebte Vergangenheit im Meer des Geistes in einer Art Zeitlosigkeit über den Augenblick hinaus enthalten bleiben kann.

Das hat weitreichende Konsequenzen für die Strategien des menschlichen Lebens. Es kommt nicht darauf an, wie man am Ende dasteht, sondern es kommt darauf an, wie der ganze Weg aussah. Begeisterung zu finden, richtig etwas los zu machen, auch mit dem Risiko und der Konsequenz, schlechten Zeiten zu erleben, wird hier attraktiver. So kann man einen wunderbaren Urlaub auch beenden, und sich anderen Dingen zuwenden, ohne die wunderbare Zeit zu verlieren. Man muss dann nicht ständig am Ball bleiben und immer neuen Spaß haben. Der Tod nach einem guten Leben schmerzt dann deutlich weniger. Gelebt ist dann gelebt, auch wenn die guten Zeiten vorbei gegangen sind. Das ist dann mein wunderbares wildes Leben, auch wenn ich früh und grausam sterbe, aber vorher richtig gelebt zu haben zählt eben auch.

Ein Jimi Hendrix bleibt der Meister der Gitarre, das hat er selbst erlebt, und sein Publikum mit ihm, auch wenn er früh gestorben ist, weil er sich selbst verheizt hat. Die Bilder von Van Gogh, als Geistesfaktum noch von der Nachwelt teilbar, die Erfahrung so etwas großartiges gemalt zu haben, hat einen Wert, der alles Leiden wieder aufhebt. Die Depression, die danach kam, hatte ihm zwar das Leben gekostet, aber beides gehörte vielleicht zusammen und war unter dem Strich immer noch richtig gut.

Ein Sturm auf die Bastille in der französischen Revolution, ein Aufruhr inmitten fürchterlicher Verhältnisse, ein Anfang der Menschen, ihr Lebensrecht in die eigenen Hände zu nehmen, bleibt eine maximale Erfahrung, auch wenn millionenfaches Leid und Tod zu den Konsequenzen gehört. Alle Kriege im Kampf um die Freiheit, die danach kamen, waren sicher eine Folge dieser Revolution, aber das war der Preis der Freiheit, die wir heute haben, und sie ist es Wert.

Natürlich kann man auch ruhiger leben. Um richtig leben zu können, braucht man keine weltberühmten Bilder malen und keine Revolutionen anzetteln. Die Fakten, die man verursacht hat, sind aber auch eine wesentliche Hinterlassenschaft, und gehören genauso zum gelebten Leben, wie was man selbst erlebt hat. Verantwortung für das, was man (mit-)verursacht oder was man unterlassen hat, ist nicht weniger Fakt als das, was man selber erlebt hat. Das sind keine Gegensätze, die Folgen des eigenen Handelns erlebt man erfahrungsgemäß irgendwie immer mit, auch wenn sie einen selbst nicht zu betreffen scheinen.
(Tobias Jeckenburger)