www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Der Placeboeffekt und die Heilungschancen von Krankheiten (T.J.)


Medizinische Theorien sind das eine, der Showeffekt im ärztlichen Handeln wirkt für sich zusätzlich zur mechanischen Unterstützung durch Medikamente und Operationen. Das ist sehr viel mehr als nur der Placeboeffekt in Doppelblindstudien. Wenn der Arzt selber denkt, dass die Therapiemaßnahme hilfreich ist, wenn der Patient sieht, dass was einleuchtendes gemacht wird, wenn der Patient von überall hört, dass diese Behandlungsmaßnahme oft sehr erfolgreich ist, wirkt dass für sich schon ganz erheblich und verstärkt die rein mechanische Wirksamkeit der Behandlung um ein Vielfaches.

Je nach Krankheitsbild kann das aber in die andere Richtung umschlagen und zur Horrorshow werden. Da fällt mir ein gutes Beispiel ein: Ein Freund von mir namens Frank Bayer war zur Blutuntersuchung beim Arzt gewesen, und kam ein paar Tage später in die Sprechstunde, um die Ergebnisse zu besprechen. Er saß im Wartezimmer und es hieß „Herr Bayer bitte“. Er ging zum Arzt herein. Der ganz besorgt aussehende Arzt holte tief Luft und sagte: „Es tut mir Leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass Sie nur noch ein paar, höchstens ein paar Monate zu Leben haben. Sie haben ein ganz gefährliches Karzinom in der Lunge und überall Metastasen, vor allem in der Leber.“ Der Arzt holt eine Röntgenaufnahme heraus, legt sie auf den Leuchttisch und will Frank die Schreckensmitteilung erläutern. Frank rutscht das Herz in die Hose, und er fühlt sich schlagartig, als stünde er nachts im Wald nackend und alleine einem Rudel hungriger Wölfe gegenüber. Trotz völliger Verzweiflung wundert er sich und sagt: „Aber ich war doch nur zur Blutuntersuchung hier, wo kommt denn das Röntgenbild her?“ Der Arzt guckt in seine Unterlagen und sagt: „Hier steht doch: Michael Bayer, aufgenommen letzte Woche.“ „Ich heiße aber Frank Bayer“. „Ach, was ist das denn. Ach, der Herr Michael Bayer hat heute auch einen Termin. Oh, das tut mir leid. Nein, jetzt habe ich Sie verwechselt, ihre Akte ist hier.“ Er guckt in die Akte. „Nein, bei Ihnen ist alles in Ordnung. Die Blutwerte sind alle in Ordnung. Bis zum nächsten mal, auf Wiedersehen.“ Frank machte sich auf den Heimweg, und fühlte sich noch tagelang wie neugeboren.

Auf gefährliche Diagnosen, und allgemein Vorhersagen über den eigenen Todeszeitpunkt, reagiert Mensch sehr heftig, die Nachricht alleine stellt das Leben der meisten Menschen auf den Kopf, auch wenn gar nichts ist außer einer Verwechslung beim Arztbesuch. Todeserwartungen alleine können einen umbringen. Andersrum beflügelt es die Lebensgeister, wenn man einen gründlichen Gesundheitscheck gemacht hat, und der Arzt sagt, dass alles im grünen Bereich ist, und keinerlei Zivilisationskrankheit auszumachen ist.

Durch die psychologischen Effekte rund um die Behandlung verschlimmert sich der Verlauf , wenn die Prognose ungünstig ist, und verbessert sich, wenn die Prognose günstig ist. Über Jahrzehnte gesehen kann sich so die Gefährlichkeit von Krankheiten ganz von selber weiter verstärken. Die Patienten bekommen im Laufe der Zeit mit, dass eine Krankheit so und so gefährlich ist. Sie reagieren psychosomatisch darauf und werden noch seltener wieder gesund, dass steigert wiederum die Gefährlichkeit in den Statistiken, und wenn das wiederum bei den Patienten angekommen ist, reagieren sie noch heftiger auf die Diagnose.

Besser, man lässt sich auf eine kaum behandelbare gefährliche Krankheit gar nicht erst untersuchen, sie würde sich nur verschlimmern durch die psychosomatischen Effekte der tödlichen Diagnose. Auch ist es eher besser, beim Lesen von Beipackzetteln lieber nicht den Abschnitt mit den gefährlichen Nebenwirkungen zu lesen. Das verursacht tatsächlich das vermehrte Auftreten der gelisteten Nebenwirkungen.

Auf dieselbe Weise kann sich auch die Prognose einer bestimmten Krankheit immer weiter verbessern, wenn diese Krankheit gut behandelbar ist. Meistens wird dass dann dem medizinischem Fortschritt zugerechnet. Ist ja auch medizinischer Fortschritt, wenn auch oft eher ein psychologischer Fortschritt. Aber der ist real.
Gelingt es mit neuen Heilmitteln den Trend umzukehren, verliert die Krankheit ihren Schrecken, und damit ist der medizinische Durchbruch erreicht. Die medizinisch-mechanischen Effekte der neuen Behandlungsmethode, die den Sieg über die Krankheit angestoßen haben, werden noch zusätzlich durch den Placeboeffekt und den medizinischen Showeffekt verstärkt, dessen krankheitsverstärkende Wirkung sich nun umkehrt und die jetzt in die positive Richtung wirkt.

Hier kann sogar eine gefälschte Wirksamkeitsstudie eines neuen, eigentlich nutzlosen Medikamentes eine Dynamik entwickeln, die am Ende eine psychologische Wirksamkeit erzeugt, die wirklich die Menschen heilen kann. Mehr als nur ein Placebo, das ganze drum herum wirkt mit.

Andersherum können hartnäckig ungläubige Patienten tatsächlich von den Toten auferstehen und den sicher prognostizierten Tod einfach ignorieren und eine Krankheit überleben, die für selbstunsichere Patienten in Verbindung mit dem medizinischem System wirklich tödlich ist. Auf Wunderheiler auszuweichen, wenn die Schulmedizin einen aufgegeben hat, kann eine gute Idee sein. Wenn das medizinische System einen abgeschrieben hat, kann man es mit einem anderen System versuchen. Das kann funktionieren.

Ich kann mir ein Gedankenexperiment vorstellen: ein Patient hat einen Tumor an einer nicht operablen Stelle im Gehirn. Der Patient bekommt eine Chemotherapie, die im Schnitt bei 50% der Patienten den Tumor wegmacht, bei den andere 50% hilft das nicht und die sterben an dem Tumor. In regelmäßigen Abständen wird der Tumor geröntgt, und die Röntgenbilder werden mit dem Patienten besprochen. Der Tumor wird also kleiner oder größer, je nachdem ob der Patient Glück hat, das bei ihm die Chemotherapie anschlägt oder eben nicht, was dann den Tod zur Folge hat.

Wenn jetzt der Arzt heimlich die Röntgenbilder frisiert - bei den heutigen Bildbearbeitungsmöglichkeiten sicher kein Problem - kommt das Experiment: Wenn der Arzt den Tumor auf dem Röntgenbild kleiner macht, vor allem am Anfang der Behandlung, und dabei sagt, dass das aber ganz gut aussieht, werden sich die realen Heilungschancen tatsächlich erhöhen. Wenn der Arzt das Gegenteil tut, und den Tumor auf den Röntgenbildern größer macht als er ist, und dabei sagt, dass das aber gar nicht gut aussieht und die Therapie anscheinend nicht anschlägt, werden sich die Heilungschancen tatsächlich verschlechtern.

Wenn jetzt der Arzt die Bilder nicht selbst fälscht, sondern heimlich ein anderer Mitarbeiter, und der Arzt das gar nicht weiß, wird der Effekt wohl noch größer sein.

Im psychiatrischem Bereich kann man diese Effekte ganz ohne Bildbearbeitung erzeugen. Man muss nur sagen, „Sie machen aber einen guten Eindruck, ihnen scheint es viel besser zu gehen“. Am Besten wenn 2 Pfleger das sagen, und der Arzt dann auch noch. Oder anders rum, „Wie geht es Ihnen (im ernsten Ton)?, Sie sehen heute aber gar nicht gut aus“. Dann auch am besten von mehreren aus dem Behandlungsteam. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass das einen großen Unterschied machen kann, vor allem wenn man gerade dabei ist, sich zu erholen, aber noch unsicher ist, ob man auf dem richtigen Weg ist.
(Tobias Jeckenburger)