www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Die Freiheit in der 5. Dimension der Lebenswelten (T.J.)


Als Verrückter erlebt man die Welt meistens anders, was für sich aber eigentlich erlaubt sein sollte, schließlich kann jeder die Welt nur in seiner eigenen Art erleben. Dennoch haben wir mit dem Thema ein teils kulturelles Problem.

Schwer verständlich, was ich hier jetzt ausdrücken möchte. Man kann sich nur 4-Dimensionales vorstellen, also Vorgänge im 3-dimensionalen Raum im Laufe der Zeit. Aber ich brauche hier eine 5. Dimension. Versteht ihr das nicht, dann vergesst es einfach. Ich versuch das mal zu erklären:

Neben dem Blickwinkel einer einzelnen Person im Laufe der Zeit und in der Bewegung im Raum wird der „Wahrnehmungsraum“ in seinen 4 Dimensionen von Raum und Zeit noch mit der internen Besetzung des Wahrgenommenen durch Bedeutung und Emotion komplettiert. Der Mensch schreibt dieser eigentlich ganz persönlichen Zusatzbesetzung gerne einen zunächst nicht vorhandenen Grad an Allgemeingültigkeit zu.

Zum Beispiel bei Kunstwerken, in denen man auch eine Art Geist und eine Art Gefühl entdecken kann, die rätselhaft sein kann. Nicht jeder empfindet dasselbe, und nicht unbedingt das, was der Maler selber zu seinen Bildern fühlt. In der Musik geht es oft darum, „den Funken überspringen zu lassen“, und doch empfindet in einem Konzert nicht jeder dasselbe. Die gleiche Musik kann unterschiedliche, oder auch oft gar keine Emotionen erzeugen. Die Stimmung auf Feten wird auch gerne allgemeingültig beschrieben, doch auch wenn mehrere Personen eine Fete mit gleicher Stimmung erleben, gibt es auch Personen, die doch eine andere, eigene Stimmung haben. Auch beschwören die Massenmedien gerne „Stimmungen im Land“, die sie selbst erzeugt haben, auch wenn sie nur bei einem Teil der Menschen angekommen ist, und viele kompetentere Personen darüber nur mit dem Kopf schütteln.

So wie die Welt, in der wir uns bewegen, eine gemeinsame ist, unterläuft uns Menschen ganz schnell der Denkfehler, dass die Emotionen und Bedeutungen auch da draußen in der Welt für alle wahrnehmbar verbindlich existieren. Und genau darum geht es, dem ist nämlich überhaupt nicht so. Jeder hat seine eigene Innenwelt, und was über das sinnlich Wahrnehmbare hinausgeht, ist allgemein und grundsätzlich verschieden.

Wenn man diese Milliarden verschiedenen Emotionen und Bedeutungen der Milliarden von verschiedenen Menschen jetzt zusammen mit der Raumzeit und ihren 4 Dimension zusammenpacken will, braucht man noch die 5. Dimension, die dann insgesamt auch die Mannigfaltigkeit der menschlichen Lebenswelten beschreibt.

Der Mensch neigt dazu, sich in dieser 5. Dimension soweit gegenseitig anzunähern, dass die individuelle Verschiedenheit reduziert wird. So lebt man in seinem sozialem Beziehungsgeflecht recht schnell in einer scheinbar gemeinsamen Bedeutungswelt. Und viele wenig kompetente Menschen bilden sich ein, dass das, was sie selbst und die Mitglieder ihrer Gruppe so wahrnehmen, absolut für alle Menschen gelten müsste. Das kann so weit gehen, dass man es als Akt des Wahnsinns oder als Akt der Aggression versteht, wenn da jemand anderes überraschend die Welt ganz anders erlebt.

In vielen Sekten dreht sich alles um spezielle Programme des Glaubens und Fühlens, die von den Mitgliedern eingefordert und merkwürdigerweise auch eingelöst werden. Die Flexibilität der meisten Menschen auf diesem Gebiet überrascht immer wieder, auch die Experten. Die Menschen, die da nicht so recht mitkommen sind eher die Ausnahme, und die werden dann schnell bedrängt und emotional vergewaltigt. Auch in manchen größeren Religionsgemeinschaften geht es in diesem Sinne sektenartig zu.

Bei Sportberichterstattungen fallen mir immer wieder psychologisierende Zumutungen auf, die mit der Realität der Profispieler auf dem Platz wenig zu tun haben. Da reichen 3 Fehlpässe, und der Kommentator wittert gleich eine emotionale Krise in der Mannschaft.

Die Welten, die man in der Psychose erkunden darf, sind nun wieder ganz speziell. Da steckt man z.B. plötzlich mitten in einer fundamentalen Verschwörung gegen sich selbst, die sich auf wundersame Weise selbst bestätigt. Da gibt es richtige Halluzinationen, aber auch „normale“ Gefühle und Intuitionen, die einen massiv in die Irre führen können. Als Massenpsychose kann der Wahnsinn zuweilen ganze Länder erfassen, gemeinsam erlebte psychoseartige Welten sind noch hartnäckiger und viel gefährlicher als die Psychose einer Einzelperson.

Auch bei den tausenden verschiedenen psychotherapeutischen Schulen, die unterwegs sind, kann man den Effekt emotionaler Bedeutungsproduktion beobachten. Hier treffen auch professionelle Innenweltkonstrukteure auf das leichtgläubige Publikum, und machen damit Therapie und Umsatz.

In Parteien, Nationalitäten und Diktaturen wird keine Aktion ohne den Versuch gestartet, die Anhänger auf mehr oder weniger erfundene, zumindest immer vereinfachte Fakten mit emotionaler Ansteckungskraft einzuschwören. Gerade im Vorfeld von Kriegen gelingt es immer wieder, die Menschen in eine gemeinsame emotionale Welt zu verwickeln. Dies macht es auch in funktionierenden Demokratien möglich, ungerechtfertigte Angriffskriege zu führen.

Der Alltag ist also voll davon, dass Menschen glauben, dass ihre Bedeutungen und Emotionen normal sind und von anderen geteilt werden. Meistens merkt Mensch das gar nicht, dass die Welt voller Menschen ist, die alles ganz anders auf ihre eigene Art erleben.

Anders herum ist die emotionale Bedeutungswelt sehr viel mehr als ein Hirngespinst. Hier findet das qualitative Leben in seiner 5. Dimension statt, hier sind z.B. durch Meditation Welten erreichbar, die mehr als real sein können, und die uns mit der Welt und dem Kosmos erst verbinden. Auch wenn die erlebten und gelebten Welten individuell äußerst verschieden sind, sind sie doch näher dran am Leben selbst als die materielle Welt. Die materielle Welt ist zwar wirklich verbindlich für jeden, aber eben zum Leben alleine ungeeignet, und ohne Emotionen und Bedeutungen ist die Realität nur eine fürchterliche Depression.

Diese Dualität von persönlicher erlebter Verschiedenheit bei gleichzeitiger universeller Realität ist eine Spannungsquelle, die selbst wieder faszinierende Welten aufmacht und dennoch Ursache von jeder Menge Feindseligkeit sein kann. Kann der Mensch denn nicht im Bewusstsein seiner eigenen Gefühlswelt konsequent leben und Andersfühlende respektieren?

Die Welt des anderen fühlen, erkennen, auch mitzuerleben, ist für mich ein wesentlicher Grund soziale Beziehungen zu pflegen. Die Vielfalt der Menschen betrachten und auch mal ein Chamäleon spielen, ist immer wieder eine Herausforderung, und eine Säule einer erfüllten menschlichen Existenz.

Bedeutungen und Emotionen gibt es mit Sicherheit auch in Tieren, und wahrscheinlich auch in Pflanzen und vermutlich in ganzen Ökosystemen. Zumindest kann man als Mensch da mitfühlen, und miterleben. Ein Sonnenuntergang am Strand, ein Spaziergang im kühlen Schatten eines sommerlichen Laubwaldes oder ein heftiges Gewitter in der Stadt zu erleben ist auch ein emotionales Faktum, das sowohl seine emotionale Realität wie seine damit verbundene Qualität mitbringt.

Religionsanhänger im Gebet und im Gespräch mit ihren Göttern sehe ich hier dann eher zweifelhafter, da mach ich mir eher Sorgen um den Realitätsgehalt. Diese Menschen neigen dann auch dazu, allergisch auf andersdenkende und andersfühlende Menschen zu reagieren. Wahrscheinlich brauchen Religionsanhänger auch den Schutz vor Fremden, um die eingebildete Verbindlichkeit ihres Glaubens nicht zu gefährden.

Verbindung zum Kosmos und zu den Tiefen des kosmischen Geistes zu fühlen, ohne sich einbilden zu müssen, dass da Götter was spezielles von uns verlangen, finde ich viel interessanter als Religion. Und dies ist auch unproblematischer, nicht nur weil dann keiner auf Ungläubige losgelassen wird. Wie man den Kosmos fühlen soll, ist ja zur Zeit noch nicht festgelegt. Anteil zu haben an der geistigen Lebendigkeit, dessen Teil zu sein die eigene Stimmung dominieren kann, braucht ja keine spezielle Form. Das kommt ganz von selbst, und ich glaube, dass selbst Tiere hier ihre seelische Existenz und ihre Eigenqualtität haben. Subjektivität als Maßgabe ist nicht nur Menschenrecht, dass gilt in der ganzen Natur. Muss man Schizophren sein, um das zu verstehen?

Wenn man an 500.000.000 Jahre Erdgeschichte denkt, in denen es komplexe Organismen auf der Erde gibt, muss es ja auch einen Sinn im Leben dieser vielen Tiere und Pflanzen geben. Da kreucht und fleucht es in riesigem Ausmaß, über eine unvorstellbar lange Zeit auf einer unvorstellbar großen Erde. Hier nur dem Menschenleben einen Sinn zuzugestehen ist wirklich unrealistisch. Die Subjektivität von Tieren und Pflanzen, eine Subjektivität mit Qualität und Erfahrungswert, muss man hier annehmen. Dass die vielen Lebewesen da nur rumgekrochen sind, um endlich die Evolution des Menschen zu ermöglichen, und dass erst mit uns Menschen der Sinn auf die Welt gekommen ist, das glaube ich nicht.

Die Zivilisation soll mit dem Bau der Pyramiden begonnen haben. Überdimensionale Grabsteine für einen Idioten, der seinen eigenen Lügen verfallen ist und sich für den Sonnengott gehalten hat, mussten die Menschen da bauen. Die Weltreligionen sollen die Kultur erst wirklich erschaffen haben. Ich habe da meine Zweifel. Eine Tendenz zum Niedergang des menschlichen Lebens kann man im Übergang von der Steinzeit in die ersten Zivilisationen erkennen. Die Entwicklung von Atomwaffen in der modernen Zeit sieht wie eine Fortsetzung des Prinzips des Vorrangs der Herrschaft von Menschen über Menschen aus. Machtausübung als Selbstzweck, der über allem steht, scheint das Grundprinzip der Zivilisation geblieben zu sein, ob mit oder ohne Pyramiden.

Die immer noch verbreitete Unklarheit auf dem emotionalem Gebiet macht die Menschen empfänglich für allerlei manipulativen Unfug, der mit ihnen getrieben wird, und ist hier offenbar Teil des Problems. Die Innenwelten hier einfach als belanglosen Mix persönlicher Privatsache anzusehen, den man nach Belieben manipulieren darf, damit was zählbar Reales dabei raus kommt, ist grausam den Menschen gegenüber. Die Menschen quälen sich teilweise ab damit, hier für Wirtschaftswachstum zu sorgen, und verlieren den Bezug zu sich selbst und zu dem Kosmos ihrer Innenwelten. Deshalb sortiere ich hier die Innenwelten als eigene 5. Dimension der Wirklichkeit ein. Diese 5. Dimension ist eigentlich sogar realer als die üblichen 4 Dimensionen von Raum und Zeit, die wir ja letztlich nur durch den Umweg über unsere Innenwelten bewusst wahrnehmen und erfassen können.

Die Freiheit auf der Welt ist ganz wesentlich auch die Freiheit die Welt zu fühlen wie man will, bzw. wie man es einfach tut. Deshalb ist Religionsfreiheit auch so wichtig. Dass da jede blöde Sekte ihren Unfug ausbreiten kann, fällt auch unter Religionsfreiheit, aber meiner Ansicht ist das jetzt eher eine unselige Nebenwirkung. Die Freiheit der Gedanken ist ja im wesentlichen akzeptiert, aber die Freiheit Sinn und Welt zu fühlen, Bedeutung zu erleben und das für sich alleine in der eigenen Weise tun zu können, diese Freiheit kann noch ausgebaut werden. Diese Freiheit kann man sich meistens einfach nehmen, im psychosozialem Versorgungsbereich muss man aber noch gucken, dass man das da auch unbehelligt machen kann.
(Tobias Jeckenburger)