www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Selbstbestimmung und Verantwortung (E.A.)


Unter www.wendezeit.ch finde ich zum Stichwort Selbstbestimmung unter anderem Folgendes:

„Selbstbestimmung bedeutet nach freiem Willen über sein Leben entscheiden zu können. ..Das Selbstbestimmungsrecht ist ein zentrales Recht für alle Wesen auf der Erde, insbesondere für alle mündigen Menschen .. Selbstbestimmung führt zwingend auch zur Selbstverantwortung, denn wenn ich frei entscheiden kann, was ich tue oder nicht tue, dann bin ich logischerweise auch für die Folgen von diesen Entscheidungen selbst verantwortlich.“

Auf ihrer Homepage vertreten die Autoren des Buches „1 x 1 des Bewusst-Seins: Persönliche Entwicklung als Lebenssinn" die Meinung: „Selbstbestimmung und Selbstverantwortung sind grundlegende Voraussetzungen für die Weiterentwicklung unseres Bewusstseins und damit für innere Ruhe, Freude und Harmonie im Leben.“

Als mündiger Bürger darf ich mir jeden Abend mit ein paar Bierchen als Begleitung den Spätfilm ansehen und am nächsten Morgen verschlafen ins Büro wanken. Ich darf das, obwohl ich damit meine Gesundheit, meinen Arbeitsplatz und meine Ehe gefährde und die Folgen meines Verhaltens auch andere treffen.

Als mündiger Krebspatient habe ich das Recht, mich gegen eine Operation oder Chemotherapie zu entscheiden, auch wenn ich damit meinen Tod, einen trauernden Ehepartner und weinende Kinder in Kauf nehme.

Haben Sucht- und psychisch Erkrankte ein Recht auf Selbstbestimmung? Oder muss ihnen die Verantwortung für sich und ihr Handeln abgenommen werden, da sie krankheitsbedingt nicht frei entscheiden können?

Soll ich die persönlichen Sachen meines Mannes und die Wohnung regelmäßig nach Alkoholverstecken durchsuchen, weil er als Süchtiger die Kontrolle über seinen Alkoholkonsum verloren hat? Bin ich eine schlechte Ehefrau, wenn ich nicht alles tue, um den Nachschub an Alkohol zu stoppen?

Soll ich notfalls mit Druck und Zwang versuchen, mein erwachsenes psychisch krankes Kind zur Einnahme der verordneten Psychopharmaka zu bewegen? Bin ich als Mutter für seine Gesundheit und sein Wohlergehen verantwortlich, wenn ihm selbst jede Krankheitseinsicht fehlt?

Soll ich einschreiten, wenn mein betagter Vater in einer manischen Phase seine Rente mit illegalen jungen Prostituierten verpulvert? Möglicherweise tut es ihm später um das verprasste Geld leid. Oder schlimmer noch; der gesundheitlich schon Angeschlagene steckt sich mit einer Geschlechtskrankheit an.

Soll ich in einer zerrütteten Ehe verharren, da meine Frau mir mit Selbstmord droht, sollte ich sie verlassen? Habe ich als Mutter versagt, wenn mein depressives Kind sich das Leben nimmt?

Soll ich alles in meiner Macht stehende unternehmen, um die Heirat meines psychisch kranken Sohnes mit einer ebenfalls psychisch Kranken zu verhindern, weil ich sicher bin, dass diese Frau ihm nicht gut tut?

Wann und wie darf, soll oder muss ich für andere Verantwortung übernehmen?
(Eine Angehörige)