www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Die Offene Station in der Psychiatrie (H.Z.)


Der empfundene Druck durch die Zwangsunterbringung wich, als ich auf die offene Station verlegt wurde. Einige Zeit genoss ich das Stückchen Freiheit, insbesondere durch ausgedehnte Spaziergänge durch den Krankenhauspark. Zwischen den Pflichtveranstaltungen wie z.B. Visite, Gruppentherapie, Ergotherapie und anderen hielt ich mich draußen im Grünen auf. Bis abends 22 h Uhr fuhr ich immer wieder mit dem Aufzug hinunter, um diese Freiheit zu spüren. Zwischendurch war ich oben auf der Station, um ein paar Worte mit dem Personal zu wechseln. Eine weitere Verbesserung war das Frühstück und das Mittagessen im Klinikrestaurant. Neben dem guten Essen gab es hier endlich einmal Obstsaft zu trinken. Auch war der Kaffee deutlich kräftiger im Geschmack. Auf dem Krankenhausgelände befindet sich ein privat geführtes Cafe, in dem man sich Dinge kaufen konnte. Neben Kuchen wurden auch Essen, Süßigkeiten und Getränke sowie Zeitschriften angeboten. Außerdem entdeckte ich im Klinikgebäude im Erdgeschoss eine Bibliothek, aus der sich die Patienten Bücher entleihen konnten. Ich lieh mir zwei Pflanzenkundebücher aus, mit deren Zuhilfenahme ich die Pflanzen im Parkgelände bestimmte und später auch Gedichte über die Natur schrieb.

Doch dem euphorischen Gefühl der Freiheit wich bald die Erkenntnis, dass viele Missstände der geschlossenen Station auch in dieser offenen Station bestanden. Das Personal führte mir hier nicht vor Augen, dass ich unter Wahnvorstellungen litt. Ich suchte immer wieder das Gespräch mit dem Personal, das außer wenigen, kurzen Worten nicht weiter reagierte, geschweige denn von sich aus das Gespräch mit mir suchte. Bei einem Mitpatienten bemerkte ich bei der Gruppentherapie, dass seine Vorstellungen nicht mit der Realität übereinstimmten, was ihm vom anwesenden Pflegepersonal aber nicht gesagt wurde. Offensichtlich wird hier die Krankheit ausgesessen und allein auf die Tabletten vertraut. Allein gelassen spazierte ich hier zwischen den Therapieterminen mindestens drei bis fünf Stunden im Klinikpark. Auch hier hatte ich unter schnarchenden Mitpatienten zu leiden, ein Briefkasten für Beschwerden und Anregungen fehlte auch hier.

Nach einiger Zeit wich das Freiheitsgefühl bohrender Langeweile. Ich erhielt die Sondererlaubnis, an einer weiteren Ergotherapie teilzunehmen. Daran nahm ich mit viel Freude teil, jedoch blieben die Zeiträume zwischen den Therapien weiterhin zu groß, so dass das Gefühl der Einsamkeit und Langeweile bestehen blieb. Zeitweise hatte ich Kontakt zu drei Mitpatientinnen, die aber bald entlassen wurden. Das war wohl ein Glücksfall, denn danach fand ich keinen Ersatz für sie, ich blieb allein.

Der Kampf um eine ruhige Nacht fand nach langer Zeit erst dann ein Ende, als ich ein Einzelzimmer bekam. Dadurch verbesserte sich auch mein Allgemeinzustand.

Später bekam ich den tagesklinischen Status, d.h. ich übernachtete bei mir zu Hause und verbrachte das gesamte Wochenende zu Hause. Am Wochenende rief ich jeweils einmal pro Tag das Krankenhaus an, um eine freundliche Stimme zu hören. Eine Pflegerin sagte mir gegen Ende des Krankenhausaufenthaltes, dass diese vielen Anrufe im normalen Leben nicht möglich seien. Ich halte dies für eine Fehleinschätzung, denn zwei Tage ohne ein Gespräch mit Mitmenschen finde ich unerträglich. Eine andere Pflegerin meinte, ein Leben ohne mitmenschliche Kontakte würde sie auch krank machen. Dieses entspricht auch meinem Empfinden.

Um gesund zu werden, orientierte ich mich an den normalen, gesunden Pflegepersonal und nicht an den psychisch erkrankten Mitpatienten. Doch diese hilfreichen Gespräche mit dem Personal waren hier Mangelware. Erst eine vom Gericht geschickte Mitarbeiterin weckte in mir die Krankheitseinsicht: Sie befragte mich nach meinem Lebenslauf, den ich realistisch wiedergeben konnte und dem Beruf in der Wahnvorstellung widersprach. Ich „erwachte“ aus der Psychose und wusste fortan, dass ich als Erkrankte Patientin dieses Krankenhauses war. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Genesung durch entsprechende Gespräche seitens des Personals schneller hätte herbeigeführt werden können.

Als schwierig erwies sich auch trotz der Genesung die Entlassung nach Hause, denn ein gesetzlicher Betreuer war noch in Urlaub und ich hatte große Angst vor dem Alleinsein zu Hause. Ich verblieb noch weitere drei Wochen im Krankenhaus, bis die Betreuung durch einen gesetzlichen und einen vertraglichen Betreuer sichergestellt war.
(Heike Zimmermann)