www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Ganz früher, vor einiger Zeit und Heute (I.H.)


Ganz früher
Mein Vater hat große Angst vor psychischer Krankheit. Als ich elf Jahre alt war, wurde ich in der Schule schlecht. Ich erinnere mich, dass ich zu einem Psychologen musste. Das Treffen fand zu dritt statt. Der Psychologe, mein Vater und ich. Was ich noch davon weiß: Die tun nur so, als wären sie mir wohlgesonnen, die interessieren sich nicht für mich, die interessieren sich für sich und ihre Ziele. Von mir werden sie nicht erfahren, was wirklich mit mir ist. Zu oft schon habe ich erlebt, das die anderen nicht interessiert was mich bedrückt. Was mich bedrückt: ich fühle mich allein und mit dem allein-sein-Gefühl fällt es mir schwer, Leistungen zu bringen.

Ich kam auf eine andere Schule, in eine neue Klasse, das Schuljahr hatte schon angefangen. Ich fühlte mich allein. Bei der ersten Klassenarbeit in Deutsch habe ich nichts schreiben können, nur weinen können. Alle waren mit Schreiben beschäftigt, ich mit meinem allein-sein-Gefühl.


Vor einiger Zeit
Rettungsversuche
Es kam nicht aus heiterem Himmel. Mangelnder Antrieb, Ziellosigkeit, Rückzug aus dem familiären Umfeld bestanden schon längere Zeit. Angst und Hilflosigkeit, auch Wut und Ausgrenzung waren meine Reaktion auf dieses Verhalten. Es kam dann zur Zuspitzung. Ich konnte ihn nicht mehr erreichen, auch nicht mehr einordnen was er sagte, es war ohne erkennbaren Zusammenhang. Er war verwirrt, wusste selber nicht mehr ob das was er dachte, meinte, wollte, wirklich war oder nicht. Das verunsicherte ihn und mich. Er schlief kaum noch und war weit weg. Wenn ich ihn ansprach, dauerte es, bis er reagierte und er reagierte nicht aus dem Zusammenhang, sondern aus seiner Welt in der er scheinbar war. Das machte mir Angst und ich dachte, dass ich das so nicht lassen kann. Er rang ja auch um Hilfe. Merkte, dass er sich nicht verstand und es nicht schaffte, dass ein anderer ihm helfen konnte sich zu verstehen.

Ein so existenzielles Geschehen sprengte für unsere Familie den Rahmen, den wir uns für unser alltägliches Leben auferlegt hatten. Wir kamen nicht mehr klar. Konnten nicht mehr geradeaus denken. Hatten Angst um ihn und um uns.

Wir waren alle dabei. Ich weiß es nicht mehr, oder will mich nicht mehr erinnern, wie wir in die Klinik gelangt sind. Das Erstgespräch in der Aufnahmeambulanz haben mein Sohn, ich und der zuständige Arzt geführt. Soweit ich mich erinnern kann, hat mein Sohn auswählen können, das ich dabei sein soll. Mein Sohn war in diesem Gespräch recht klar, auch ehrlich. Soweit ich das erinnere, erwähnte er, dass er verwirrt gewesen sei, dass er das jetzt aber ja weiß und ihm das nicht wieder passieren wird. Ich glaubte ihm. Es gab keinen Grund, keine Notwendigkeit mehr, weshalb er in der Klinik hätte bleiben sollen. Für mich nicht, weil ich ihm glauben wollte, dass er sich unter Kontrolle hat. Für meinen Sohn nicht, weil er nicht dort bleiben wollte. Für den Arzt nicht, weil es keine Anzeichen für irgendeine Gefahr gab. Der Arzt hat jedoch eine Medikation angeraten und einen Termin vereinbart für den folgenden Tag. Das war doch was.

Der Folgetermin stand an. Mein Sohn sah keine Notwendigkeit mehr den Termin wahrzunehmen. Ich wurde wieder nervös, ungeduldig. Auch hatte ich Wut auf ihn, dass er nicht bereit war Hilfe anzunehmen. Schlimmer noch, ich wollte ihn loswerden, weil er mir unheimlich war, weil er laut wurde, was sonst überhaupt nicht seine Art war und weil ich keinen Kontakt zu ihm hinbekommen konnte.

Irgendwie haben wir den Weg nochmal geschafft, in die Klinik. Unterstützt durch den entschiedenen und besonnenen Einsatz meiner Söhne. Er ist dann in der Klinik geblieben.


Heute
Entwicklung braucht Zeit
Ich sehe in der Erkrankung meines Sohnes auch Anteile von mir. Auch wenn das von Fachleuten in der Klinik anders bewertet wurde. Es mag sein, dass meine Sichtweise für mich hilfreich ist, meinem Sohn aber wenig Unterstützung gibt. Nur, ich kann nicht einfach aus meiner Haut raus, ich muss auch lernen.
Was ich unter "ganz früher" kurz beschrieben habe, ist für mich ein ständiger Lebensbegleiter, den ich aber nie haben wollte. Außerdem glaubte ich immer, den habe nur ich, die anderen nicht. Ich werde das allein-sein-Gefühl vorübergehend los, wenn ich mich anpasse oder Leistung bringe. Meist überfordere ich mich dabei. Das sieht dann manchmal so aus: Ich habe einen Termin um 10.15 Uhr an einem Ort an dem ich schon war. Ich weiß also wohin ich muss. Ich fahre rechtzeitig los. Alles läuft, ich habe genug Zeit. Aber plötzlich sieht der Straßenverlauf anders aus als ich ihn in Erinnerung habe. Ich werde unsicher. Verliere die Orientierung. Verliere Halt. Kann mich nicht mehr auf mich verlassen. Manchmal muss ich den Termin dann sausen lassen.

Der Umgang mit meinem Sohn ist von Vorsicht und Angst geprägt. Angst davor, den Kontakt zu ihm zu verlieren. Das Problem, mein Kontakt zu ihm besteht in Erwartungen und nicht im Interessiert sein an seiner Person aus Liebe. Ich frage mich: worin sehe ich meine Rolle als Mutter? Ich habe meine Rolle darin gesehen, ihn gesellschaftsfähig zu machen. Das ist in die Hose gegangen. Es ist mir peinlich zuzugeben, dass ich darin meine Rolle gesehen habe. Und ehrlich gesagt, darin sehe ich den Nährboden für die Schwierigkeiten meines Sohnes. Vielleicht nicht darin, ihn gesellschaftsfähig machen zu wollen, aber das an erste Stelle gesetzt zu haben und die Liebe hinten an zu stellen, das schon.
Dass ich das selber auch so erfahren habe, macht die Sache nicht besser. Ich muss lernen. Zum Beispiel Fragen zu stellen ohne die Antwort vorher schon zu wissen. Angebote oder Vorschläge zu machen und nicht beleidigt oder entmutigt zu sein, wenn sie nicht angenommen werden. Meine Erwartungen zu prüfen. Soll mein Sohn so sein wie ich ihn will? Kann das soweit gehen? Möglich. Meine eigenen Erfahrungen mit familiären Erwartungen sind erdrückend. Besonders die unausgesprochenen.
Ich habe auch ständig das Gefühl, dass etwas Unausgesprochenes zwischen mir und meinem Sohn steht. Ich kann es aber nicht packen.

Wie habe ich mich bisher mit dem Handicap meines Sohnes beschäftigt.
Ich habe am Krankenhausangebot "Gruppe für Angehörige von an Psychosen Erkrankten" teilgenommen. Ich habe viele Bücher gelesen. Von Betroffenen z.B. Dorothea Buck-Zerchin, von betroffenen Angehörigen z.B. "Schizophrenie ist Scheiße Mama" von Janine Berg-Peer, von Fachleuten z.B. "Eigensinn und Psychose" von Thomas Bock. Ich gehe zu den Psychoseseminaren in Dortmund.
Das Gute an den Büchern ist, das ich genügend Abstand haben kann, um mich mit der Sache zu beschäftigen.
(Ina Herweg)