www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Seelische Stolpersteine, und wieder zurück ins Leben (I.R.)


Ich wurde 1972 geboren. Meine Mutter war autoritär, mein Vater stand unterm Pantoffel. Mein drei Jahre älterer Bruder war auch sehr rechthaberisch und hatte teils mehr zu sagen als der Vater. Die ersten fünf Jahre waren gut zu leben. Danach fingen meine Eltern an, sich zu bekriegen. Meine Mutter ist mit uns Kindern abgehauen, um den Konflikten aus dem Weg zu gehen.Ich wäre lieber bei meinem Vater geblieben. Mein Vater ist uns hinterhergefahren und wollte, dass wir alle ins Auto einsteigen. Ich wollte einsteigen, aber meine Mutter wollte nicht, dass wir einsteigen. Ich habe daraufhin geheult, und deswegen sind wir dann doch eingestiegen. Die Trennung von meinem Vater viel mir sehr schwer, deshalb war das für mich ein Vertrauensbruch zu meiner Mutter, der bis heute anhält. Das kann ich ihr bis heute nicht verzeihen.

Mit neun Jahren wurde ich von meinem Bruder zum ersten Mal missbraucht, was sich bis zum 17. Lebensjahr noch öfter wiederholte. Mit zehn Jahren wurde ich auf dem Spielplatz belästigt, mit nachfolgender Anzeige vor Gericht. Der Täter hat zwei Jahre Haft bekommen. Weil ich vor Gericht alles haarklein wiedergeben musste, was sehr schwierig und belastend für mich war, habe ich meinen Bruder und die nachfolgenden Missbräuche nicht angezeigt.

Es gibt ein Spiel „Wahl, Wahrheit und Pflicht“, das mein Bruder zu seinen Gunsten auslegte, und nach seinen Spielregeln waren die Missbräuche an mir für ihn gerechtfertigt. Meine Mutter hat das wohl einmal mitbekommen und sagte nur, das gehört sich nicht.

Im Alter von elf bis siebzehn Jahre wurde ich von einem Freund meiner Eltern auf dem Campingplatz mehrmals missbraucht. Das Vertrauen wurde über den Hund aufgebaut. Er sagte, der Hund würde sich freuen, mich zu sehen. Er drohte mir, mich umzubringen, sollte ich jemanden von dem Missbrauch erzählen, und er würde mir die Schuld geben, ihn verführt zu haben. Außerdem würde mir ohnehin niemand glauben.

Das Märchen Rosenresli hat mich schon mit sechs Jahren inspiriert, später einmal nach Australien auszuwandern, und ich habe mir einen Beruf ausgewählt (Industrie-Elektroniker Fachrichtung Gerätetechnik), den man in Australien gebrauchen kann. Meine Träume und Fantasien halfen mir, mein Leben auszuhalten. Dennoch habe ich mit elf Jahren beschlossen, mein Leben mit achtzehn Jahren zu beenden.

Mit vierzehn Jahren begann ich Missbrauchsfilme im Fernsehen zu sehen, in der Hoffnung, mich so outen zu können. Meine Mutter hat aber die Hintergründe nicht erkannt. Mit fünfzehn Jahren habe ich mich meiner Lehrerin anvertraut, und wir haben einen Brief aufgesetzt an den Mann vom Campingplatz. Wenn das mit den Missbräuchen nicht aufhört, würden wir zur Polizei gehen. Ich habe den Brief bei ihm abgegeben, und ich habe wenigstens ein Jahr Ruhe gehabt. Zur Silvesterzeit fing das aber wieder an. Nachdem ich Neujahr wieder missbraucht wurde, bin ich dann 1989 mit Hilfe meiner Lehrer nach Dortmund ins Jugendwohnheim umgezogen. Von dort aus habe ich ein Berufsfindungsjahr in der ehemaligen Zeche Zollern gemacht.


Nach einem Selbstmordversuch mit Antibiotika habe ich mich meiner Bezugsperson im Wohnheim anvertraut und ihr gegenüber die Missbräuche nochmals angesprochen. Darauf haben sich meine Bezugsperson, ein Sozialarbeiter, meine Mutter und ich zusammengesetzt. Meiner Mutter wurde mitgeteilt, dass ihre Tochter von einem Freund der Familie und von dem eigenem Bruder missbraucht wurde. Es wurde beschlossen, zu dem Täter vom Campingplatz keinen Kontakt mehr zuzulassen.

Im nächsten Wochenendurlaub war ich dennoch wieder auf dem Campingplatz. Meine Mutter ist mit mir zu dem Täter vom Campingplatz hinübergegangen, und hat mich aufgefordert, dort meine Vorwürfe zu wiederholen. Vor lauter Angst um mein Leben habe ich das nicht tun können. Obwohl ich meiner Mutter später erklärt habe, dass ich aus Angst nichts sagen konnte, hat sie das nicht verstanden. Meine Mutter hat mir zwar geglaubt, war aber enttäuscht, dass ich sie in Schwierigkeiten gebracht habe. Auf der Rückfahrt vom Campingplatz nach Bochum hat meine Mutter mich noch unsensiblerweise mit dem Täter im Auto bei meinem Wohnheim in Dortmund abgesetzt. Wo ich doch vorher so froh war, dass mein Peiniger wenigstens nicht weiß wo ich wohne.

In Wuppertal bei Profamilia wurde diskutiert, die Missbräuche anzuzeigen, aber ich wollte das nicht. Meine Mutter hatte angeboten, dass sie die Anzeige macht. Weil ich erst siebzehn war, wäre das möglich gewesen, aber ohne meine Aussage wäre da nichts draus geworden.

Ab 1990 mit achtzehn Jahren bin ich das erste Mal in Therapie gewesen. Vier Wochen im Krisenzentrum im Bethanien Krankenhaus Gruppentherapie, Einzeltherapie, Alltagsleben. Im Anschluss daran war Familientherapie angesagt. Meine Eltern kamen ins Bethanien Krankenhaus zu gemeinsamen Sitzungen. Mein Bruder konnte nicht kommen, weil er wegen anderer Missbrauchsfälle im Knast saß.

1992 war ich nach einem weiteren Selbstmordversuch in der Psychiatrie in Lütgendortmund. Dieser Selbstmordversuch lief folgendermaßen ab: Ich war vom Jugenddorf aus auf Nachtausgang in Richtung Wald losgegangen. Meine Diplompädagogin sah, dass etwas nicht stimmt und wollte mich noch aufhalten, aber sie hat mich nicht halten können. Dort im Wald habe ich mir das erste Mal mit einem Brotmesser am Unterarm drei tiefe Schnitte zugefügt. Mir wurde gleich richtig schlecht mit Magenkrämpfen, und ich habe dort in einen Mülleimer gekotzt. Derweil waren schon überall die Mitarbeiter vom Jugenddorf mit Taschenlampen im Wald unterwegs und suchten mich. Ich hatte extra vorsorglich schwarze Kleidung angezogen, und als sie in meine Nähe kamen, habe ich mich noch unter einer Bank versteckt. So haben sie mich auch nicht gefunden. Das Messer hatte ich zwischendurch im Wald versteckt, falls ich es nochmal brauchen sollte.

Dann bin ich doch zurück ins Jugenddorf gegangen, weil mir so schlecht war. Im Mädchenbüro wollte ich mir etwas gegen die Magenkrämpfe holen. Im Mädchenbüro haben sie dann meine Hausärztin geholt, weil ich meinen Arm nicht zeigen wollte. Die Ärztin wollte mir eine Spritze geben, ich weigerte mich aber, weil ich Angst hatte, dass das eine Betäubungsspritze ist. Meine Diplompädagogin hat mir dann vorgeschlagen, mich für eine Nacht in die Psychiatrie Lüdgendortmund zu bringen. Da bin ich dann mitgekommen, obwohl ich eigentlich wieder zurück in den Wald wollte, um weiter zu schnibbeln. Ich wollte mich tatsächlich umbringen, aber die Magenkrämpfe zu behandeln, ging doch erst einmal vor und das hinderte mich, den Selbstmordversuch fortzusetzen. Die drei Narben erinnern mich heute noch daran, wie ich mich das erste Mal geschnitten habe.

In Lüdgendortmund wollte ich auch nicht meinen Arm zeigen, aber mir wurde gedroht, mich im Sprechzimmer einzusperren, bis ich meinen Arm zeige. Das habe ich dann auch gemacht, und in der Chirurgischen Ambulanz haben die mir das genäht. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich die ganze Zeit geblutet habe, mir war die ganze Zeit nur schlecht. Weil ich im Krankenhaus so unruhig war, bekam ich dann zweimal 2,5 mg Tavor Expede. Trotz Tavor lief ich auf der Station immer noch hin und her, aber irgendwann habe ich mich dann doch hingelegt.

Bei diesem Aufenthalt in der Klinik gab es das erste Mal die Diagnose Borderline
Persönlichkeitsstörung mit Depression und Autoaggression. Ich blieb dort ein halbes Jahr stationär. Über die Weihnachts- und Silvesterfeiertage bin ich entlassen worden, um mit dem Jugenddorf Oespel in Freizeiturlaub zu fahren. In der Silvesternacht haben die Mitarbeiter und andere, die mitgefahren sind, zu viel Alkohol getrunken. Ein Mitarbeiter und ein Auszubildender vom Jugendorf haben Striptease gemacht und dadurch kamen meine alten Erinnerungen zurück und ich habe richtig Panik bekommen. Ich wollte dann nur noch nach Dortmund zurück. Zurück in Dortmund war ich wie sowieso vorgesehen wieder stationär, allerdings früher als geplant.

Insgesamt war ich ein halbes Jahr in Lüdgendortmund. Erst hieß es einen Tag, dann drei Wochen ausruhen, und hinterher war es über ein halbes Jahr geworden. Im Krankenhaus gab es Psychotherapie, das erste Mal mit einem männlichem Therapeuten, Einzeltherapie, Fragebögen, EEG, Hirnleistungstraining, Ergotherapie.

Nach der Entlassung bin ich zurück ins Jugenddorf. Ich hatte als Hauswirtschaftlerin eine Ausbildung dort angefangen. Mein Einzeltherapeut setzte sich für mich ein, dass ich ein Praktikum im Metallbereich des Jugenddorfes machen konnte und danach eine Ausbildung zum Metallbauer. Das war viel Arbeit, das durchzusetzen, immerhin war das Arbeitsamt als Kostenträger auch daran beteiligt. Leider habe ich die Ausbildung nach einem Vierteljahr abbrechen müssen, weil die Borderlinestörung wieder akut wurde.

Diese Akutphase 1993 wurde durch ein Erlebnis bei einem Kneipenbesuch ausgelöst. Ich war alleine in einer Kneipe und wurde dort von einem Mann belästigt, der unbedingt wollte, dass ich mit ihm nach hause gehe. Ich bin dann raus aus der Kneipe, und der Mann kam hinterher. Ich hatte mich hinter einem Auto versteckt, aber da hat er mich gefunden. Vor Angst hatte ich gefaucht wie eine Katze und um mich geschlagen. Ich kam dann zu einer Telefonzelle und wollte die Polizei rufen. Vor lauter Aufregung habe ich mich mit der Notrufnummer vertan und wählte immer 011. Der Mann kam dann mit in die Telefonzelle und fragte, wen ich denn anrufen will. Ich sagte, die Polizei, und er hat mir tatsächlich die korrekte Notrufnummer gesagt. Anscheinend war er sehr betrunken, ich übrigens auch. Die Polizei am anderen Ende der Leitung fragte, wo der Täter denn jetzt sei, und ich sagte, der steht direkt neben mir.

Nach dem Telefonat befahl ich dem Täter, stehen zu blieben und auf die Polizei zu warten, und ich würde jetzt nach Hause gehen. Und der Täter blieb tatsächlich stehen. Die Polizei kam dann nach ein paar Minuten und kassierte den Täter auch sofort ein und nahm meine Personalien auf. Die Polizisten fuhren zum Jugenddorf und wollten mir sagen, dass ich sofort eine Anzeige machen soll. Da ich aus Angst nicht in meinem Zimmer, sondern bei einer Praktikantin schlief, war ich nicht erreichbar. Am nächsten Tag kamen die Polizisten noch einmal wieder und haben die Anzeige mit mir aufgenommen. Dabei sagten sie mir, dass ich Glück gehabt habe, bei der dicken Akte, die der Mann bei der Polizei hatte.

1994 wohnte ich kurz für drei Monate bei meinen Eltern, danach wieder stationär im Krankenhaus Lüdgendortmund. Von dort aus kam ich direkt ins Fliednerhaus, wo ich zwei Jahre bis 1996 wohnte. Das Fliednerhaus war damals ein Übergangswohnheim, heute nennt es sich Rehabilitationseinrichtung.

Von da aus bin ich dann das erste Mal mit vierundzwanzig Jahren in eine eigene Wohnung gezogen. In meiner eigenen Wohnung, die sehr klein war (33 qm), hatte ich zu wenig Platz und fühlte ich mich gefangen in den eigenen Räumen. Das hatte Auswirkungen auf meine Psyche und mein Wohlbefinden, so dass ich mehrmals als Drehtürpatientin immer wieder in den Psychiatrien Aplerbeck, Hombruch, Lüdo oder Kirchhörde stationär war.

Teilweise war ich dort insgesamt fünf Mal mit PsychKG aufgrund von Selbstgefährdung untergebracht. Im Nachhinein fand ich die Zwangsunterbringung sinnvoll, zu der Zeit allerdings fand ich mich in erster Linie meiner Freiheit beraubt. Ich hatte bis dahin mein Versprechen, mich mit achtzehn umzubringen, immer noch nicht erfolgreich umgesetzt. Die Klinik und das Betreuungssystem hinderten mich daran. Ich wurde aber auch daran gehindert, selbstverantwortlich zu Handeln, was durch eine gesetzliche Betreuung noch intensiviert wurde, die auch zu der Zeit eingesetzt wurde.

Die Psychiatrien in Dortmund waren in dieser Zeit mein Schutzort, obwohl ich auch da Selbstmordversuche gemacht hatte. Immer wieder erfolglos, und ich hatte nur einen Gedanken: Wie kann ich mich erfolgreich umbringen? Es lief die ganze Zeit ein Versteckspiel um Rasierklingen und Ähnlichem, die ich z.B. auch mal im Toilettenspülkasten versteckt hatte. Mich wundert heute, wie das überhaupt möglich ist, so viele Selbstmordversuche zu überleben. Gerade im Krankenhaus war ich zusätzlich motiviert mich dort zu töten, weil meine Leiche verbrannt worden wäre, was mir lieber als eine Sargbeerdigung gewesen wäre.

1998 lernte ich in der Klinik in Lüdgendortmund einen Mann kennen. Er sagte, er wäre nicht krank, nur seine Frau besuchen, die auf einer anderer Station untergebracht war. Eine Bekannte von ihm sagte er wäre ok, sie hatte schon einmal bei ihm übernachtet. Ich habe dann mit dieser Bekannten zusammen einmal bei dem Mann übernachtet, ohne Probleme. Als ich dann aber einmal alleine bei ihm war, hat er mir zwischen die Beine gegriffen. Ich erstarrte vollkommen, war geschockt und nicht mehr handlungsfähig. Da kam seine Frau ins Zimmer, und ich nutzte die Gelegenheit, sagte ich muss ganz schnell weg und flüchtete.

Später sagte er auch noch, ich soll nächstes Mal alleine kommen. Ich lies mir für 100 DM eine Geheimnummer von der Telekom geben. Meine Therapeutin schrieb an den Täter einen Brief, den ich selbst in seinen Briefkasten warf. Ich hatte die Hoffnung, dass die Frau des Täters den Brief in die Hand bekommt. Die Sache war danach erledigt, dennoch hatte ich ein unangenehmes, beunruhigendes Gefühl, dass der Mann mir nochmal über den Weg läuft.

Im Jahr 2003 dann ein erneuter Selbstmordversuch mit Tabletten vom Psychiater, die ich gesammelt hatte. Nach Einnahme der tödlichen Dosis sagte ich schon lallend aus Pflichtgefühl noch einen Termin mit einer Freundin ab, die in der Klinik zu Besuch war. Der kam das dann sehr kritisch vor und sie erzählte es sofort den Ärzten. Die schickten mir dann einen Rettungswagen vorbei, meine Tür wurde aufgebrochen und mein Leben gerettet.

Dies war der letzte Selbstmordversuch. Durch die Therapie habe ich endlich gelernt, mein eigenes Versprechen widerrufen zu können. Ich war danach sehr erleichtert, mich nicht mehr töten zu müssen.

Auf einen erfolgreichen Selbstmordversuch kommen statistisch gesehen hundert erfolglose Versuche, von daher liege ich ja noch im Mittelfeld. Ich erkläre mir das so, dass man bei jedem Selbstmordversuch etwas dazulernt. Ich vermute, dass Gott mich nicht haben will, damit ich mein Leben durchstehe. Ich vermutete zu dieser Zeit, dass ich bei Erfolg mein Leben mit all diesen Schwierigkeiten nochmal durchmachen muss.

Von 2007 bis 2011 war ich in dem Wohnheim Westricher Straße, wegen Selbstgefährdung, Autoaggression und psychischen Krisen. Mir war zu der Zeit schon klar, dass ich keine weiteren Selbstmordversuche machen werde, aber den Institutionen wohl nicht. Fressattacken und Autoaggression gab es aber weiterhin. Ich war zeitweilig auf 131 kg bei Körpergröße 158 cm, und ich habe mich hin und wieder geschnitten.

Ich nahm meine Medikamente zeitweilig unregelmäßig, und hatte extra einen Pflegedienst, der mir mehrmals täglich meine Medikamente brachte.

Im Jahr 2010 hatte ich eine gefährliche Lungenentzündung. Ich wollte nicht behandelt werden. Mein altes Versprechen kam in dem Moment wieder, mir kam die Gelegenheit recht, mein Leben auf diese Art beenden zu können. Meine gesetzliche Betreuerin veranlasste eine Zwangseinweisung, und nach drei Tagen Koma und einer Woche Krankenhaus wurde ich wieder gesund.

Danach sagte ich mir, wenn ich nicht sterbe, muss ich eben leben, und hab ab da mein Leben in die Hand genommen. Eigentlich fing ich von da an erst an zu leben, vorher habe ich eigentlich nur notgedrungen funktioniert. Ich mag jetzt alle Jahreszeiten, hab Angst vor dem Tod, kümmere mich um meinen Körper und mein Wohlbefinden und gehe zum Arzt ,wenn ich krank bin. Ich suchte mir eine eigene Wohnung, obwohl das Wohnheim dagegen war. Die meinten, das wäre nur eine Laune und haben mir da keine Stabilität zugetraut.

In der eigenen Wohnung geht es mir sehr gut, ich habe eine freundliche und verständnisvolle Nachbarin gefunden, was mir noch mehr Mut macht. Meine Rechte gegenüber den Wohnbetreuern setze ich auch durch. Die Betreuer kommen gern mal zu spät, und ich lass die nicht mehr rein, wenn sie länger als 15 Minuten zu spät kommen, ohne vorher Bescheid gesagt zu haben. Dann müssen sie eben einen neuen Termin machen. Ich werde sonst nervös, wenn keiner kommt, und wenn ich mal nicht da bin, holen die gleich die Polizei.

Es ist schwer, sich durchzusetzen, wenn man als psychisch krank gilt. Wenn mich die Wohnbetreuer wohin begleiten, sage ich mittlerweile immer, dass das ein Bekannter ist. Meist ist es besser, wenn z.B. ein Facharzt gar nicht weiß, dass ich eine Borderlinestörung habe. Es passiert sonst sehr schnell, dass ein körperliches Leiden sofort auf die Psyche geschoben wird, wenn nur irgendwas an der Diagnose unklar ist.

Bisher wurden z.B. unerklärliche Entzündungen bei mir immer für psychosomatisch erklärt, was sehr schnell geht, wenn sowieso was mit der Psyche ist. Da ich bei einem Rheumatologen war, hat der aber endlich festgestellt, dass ich einen Morbus-Behcet habe.

Mit meinem Psychiater habe ich abgesprochen, dass ich nur noch Depression mit Angstzuständen habe. Damit können andere Fachärzte besser umgehen. Mit der Diagnose Borderline hat man gleich einen Stempel weg, und die Ärzte wissen meistens nicht damit umzugehen. Man wird überhaupt nicht mehr für voll genommen und auch nicht mehr in die Behandlung mit einbezogen.

Ich war einmal mit dem Verdacht auf Schlaganfall im Krankenhaus. Als herauskam, dass ich Borderline habe, wurde sofort vermutet, dass ich die Symptome nur vortäusche, um ins Krankenhaus zu kommen. Obwohl mein Neurologe wirklich befürchtete, dass ich einen Schlaganfall hatte.

Ich habe jetzt meine eigene schöne Wohnung und kann meinen eigenen Haushalt führen.
Die Unterstützung durch das betreute Wohnen ist da hilfreich und auch noch notwendig. Ich mache mir aber noch Druck, ob auch alles wirklich richtig sauber ist, da bin ich noch von meiner Vorgeschichte her geschädigt. Wir mussten früher zuhause immer alles putzen, weil unsere Eltern beide arbeiten waren, und obwohl wir gut geputzt haben, gab es trotzdem immer nur Gemeckere dafür. Ich konnte meiner Mutter nichts recht machen, egal wie ich es versucht habe.

Ich habe zwei freundliche Katzen, denen geht‘s auch gut. Eine Katze hat allerdings Diabetes. Ich muss ihr immer Spritzen geben, und mittlerweile kommt die immer an zum Spritze geben, weil sie merkt, dass es ihr danach besser geht.

Wenn ich mal ein Problem habe, kann ich mit meiner freundlichen Nachbarin drüber reden. Ich kann mit ihr über alles reden. Sie hilft mir bei Realitätsprüfung, was nicht selbstverständlich ist. Sie hat auch meinen Wohnungsschlüssel und ich ihren. Wenn ich mal im Krankenhaus bin, versorgt sie meine Katzen und bringt mir Wäsche vorbei.

Ich kann mich so akzeptieren wie ich bin, genieße das Leben und freue mich auf jeden Tag. Höhen und Tiefen gehören dazu. Gleichgesinnten helfe ich gerne, insbesondere wenn es darum geht, anderen zu helfen, sich selbst zu akzeptieren und den Alltag geregelt zu bekommen.

Obwohl ich früher sagte, aus der Psychiatrieszene heraus zu wollen, habe ich inzwischen festgestellt, dass man hier was bewegen kann. Man ist Mensch und nicht nur Diagnoseträger. Eine Zusammenarbeit ist nicht nur unter Betroffenen möglich, teilweise gibt es auch Experten, mit denen man auf Augenhöhe reden kann.

Es gibt in Dortumd die KMPE, das ist die Koodinierungsgruppe Mitbestimmung Psychiatrie Erfahrener. Daraus ging unter anderem dieses Buch und eine Peer to peer-Beratung von Psychatrie-Erfrahrenen für Psychiatrie-Erfahrene und Angehörige sowie Interessierte hervor. Dort beteilige ich mich als Beraterin. Dafür hatten wir eine Kurzausbildung mit Ex-In-Genesungsbegleitern absolviert. Wir bieten zwei Termine im Monat an und warten zur Zeit auf Publikum.

Bisher hatte ich immer das Gefühl, dass andere meinen Tag gestalten. Das hat sich gebessert, ich bestimme was ich mache und gestalte meine Zeit wie ich das möchte. Ich setze mich für mich ein. Damit geht‘s mir gut. Wenn es mal schwierig wird, helfe ich mir selber und hol mir Hilfe, wo ich sie brauche. Ich bin stolz auf mich, die letzten vier Jahre war ich nicht mehr in der Klinik. Medikamente brauche ich nur noch kurzfristig. Das übliche Überangebot auf diesem Gebiet muss ich ja nicht unkritisch annehmen.

Zu meinem Bruder habe ich immer noch Kontakt, weil er eben mein Bruder ist. Ich denke, dass er auch noch Kind war, als die Missbräuche von ihm anfingen. Angst habe ich natürlich vor ihm und würde nie mit ihm alleine sein wollen.

Ich bin später mit meinem Betreuer zu der ehemaligen Wohnung des Täters vom Campingplatz gefahren, um zu sehen, ob er da noch wohnt. Es war für mich beruhigend, dass er da nicht mehr wohnt. Ich hatte gehört, dass er einen Herzinfarkt hatte, und wäre froh gewesen, wenn er gestorben wäre.

Meine Eltern leben immer noch zusammen. Von meinem Vater aus gesehen macht er das nur, weil er nicht alleine sein kann. Ich habe das Gefühl, dass ich meinen Vater verteidigen muss, weil er sich selber nicht wehren kann. Ich mag meinen Vater sehr, und wir telefonieren oft. Leider geht meine Mutter immer ans Telefon, da muss ich immer erst einmal mit ihr reden.

Meine Mutter versucht immer noch, mich zu kontrollieren und sich überall einzumischen. Es gelingt mir aber zusehends, da Widerstand zu leisten und spiegel ihr ihre eigenen Unzulänglichkeiten zurück. Aber wirklich erleichtert wäre ich, wenn sie sterben würde. Das wäre wohl die einzige Möglichkeit, wirklich frei von ihr zu sein. Merkwürdigerweise hat sie mit mir, und nicht mit meinem Bruder, darüber geredet, dass sie mal in einem Wiesengrab beerdigt werden möchte.

Andererseits wäre ich an der Reihe, meinen Vater zu versorgen, wenn meine Mutter sterben würde. Für zukünftige Probleme ist also auch gesorgt.

Ich freu mich einfach darüber, dass ich an den Konflikten meines Lebens nicht zerbrochen bin und lebe. Mein Erfahrungsschatz bereichert nicht nur mein Leben, ich kann ihn weitergeben, und meine Erfahrungen können auch über mich hinaus wirksam werden.
(Ilka.R.)