www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Leben mit einer psychiatrischen Diagnose (T.H.)


Wer in der Jugend kein Revolutionär ist, hat kein Herz, wer es später noch ist, hat keinen Verstand
Theodor Fontane

Ich habe durch eine Vielzahl von Psychiatrieaufenthalten die Diagnosen “schizzo-affektiver Psychotiker aufgrund einer Persönlichkeitsstörung des Borderline Typs“ bekommen.

Etikettierungen, die einer erneuten Normierung über ein als uferloses, grenzüberschreitendes, vielleicht sogar phasenweise grenzenlos menschliches Leben, verhängt wurden, um es wieder in “geordnete Bahnen” zu lenken. Ein Leben, welches in seinen Auswüchsen völlig aus dem normalen Rahmen eines als bürgerlich, geregeltes, angepasstes und daher für den Staat kontrollierbares und tolerables Lebens fiel und deshalb in seinem massiven Affront gegen das Gleichmacherische, Überwachende und totalitär Kontrollierende und Sanktionierende des deutschen Staates nach der Dämonisierung des Nationalsozialismus und der 68 Revolte in der Form nicht mehr sein durfte.

Meine Umwelt reagierte auf meine rebellischen Aktionen, etwa als ich in einem Studentenwerk in Frankreich aus Protest gegen eine unmenschliche Bürokratie einen Computerbildschirm auf den Boden warf, mit großer Betroffenheit, und ich wurde daraufhin vom Leiter des Sozialamtes persönlich empfangen und erhielt nach langer Arbeitslosigkeit eine Art ABM Stelle als Gärtner in Frankreich, Amiens.

Vielen Psychiatern und professionellen Mitarbeitern der Psychiatrie machen diese Art von Grenzüberschreitungen Angst, da diese sie mit ihren eigenen Abgründen konfrontieren, und sie reagieren darauf, indem sie denjenigen maßregeln, eingrenzen, isolieren und sanktionieren, der diese Art Grenzüberschreitung begeht.

Sie fordern von ihren Patienten die totale innere Kontrolle etwa im Sinne des bürgerlichen common sense, z.B in einem Wartezimmer eines Arztes total still und ruhig zu sitzen, möglichst noch niemanden direkt anzuschauen und schön brav und dumm wie allen anderen auch in den Prominentenillustrierten zu blättern.

Mit den verabreichten Psychopharmaka und dem starken erfahrenem Trauma durch die jahrelange Zwangsbehandlung und Folter in der Psychiatrie (u.a vierteljährige Fixierung in Bethel) entsteht die neue Angst, all dies könnte mir noch einmal passieren, sollte ich in irgendeiner Form wieder auffällig werden.

Verwehrte Orte, Menschen in den Straßen unerreichbar, mein Selbst eingemauert unter ständiger Kontrolle durch meine Behandler und die Öffentlichkeit.

Unter diesem Deckmantel meiner Angst gehe ich nach dem Wohnheimbesuch wieder zielstrebig in meine eigene Wohnung, die ich mir nach sieben Jahren Wohnheim erdient und erlitten habe.
(Thomas Hecht)