www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Mein Leben und mein Alltag in einem Dauerwohnheim in Nordrhein Westfalen (T.H.)


Nach einer langen “Psychiatriekarriere”, während der ich in den Teufelskreis von gewalttätiger Hilfe und hilfloser Gewalt meinerseits geraten bin, der mich bis in die Forensik nach Eickelborn geführt hat, lebe ich rechtlich gesehen jetzt als ein psychisch kranker Rechtsbrecher in einem Dauerwohnheim, in das ich von der Maßregel der Forensik beurlaubt worden bin.

In der Woche nehme ich hier an der Arbeitstherapie teil, in der wir leichte Montagearbeiten machen, hauptsächlich für das Simonswerk, dem hier in Rheda Wiedenbrück ansässigen Unternehmen, welches Scharniere und Ähnliches für Türen und Fenster herstellt. Das Wohnheim gehört zum Diakoniewerk und an die kirchliche Einrichtung angeschossen ist das Gelände der Stiftung Ummeln in Bielefeld und das Wohnheim in Werther. Wir haben hier eine kleine Großküche, so dass die Bewohner sich nicht selber verpflegen müssen und das Essen ist zwar kein vier Sternemenü, doch meistens lecker und abwechslungsreich. Das Wohnheim hier besteht aus mehreren Wohnhäusern mit einem großen Garten und einem Wintergarten, die in ein gewöhnliches Wohngebiet hier in Wiedenbrück integriert sind. So hat zum Beispiel unser Nachbar, der Pilot ist und Geschäftsleute von Bertelsmann mit einem Learjet durch die Welt fliegt, uns Bewohner mit einer kleinen Chesner über Wiedenbrück geflogen, um uns Bewohnern eine Freude zu machen, zumal die Bewohner hier alle sehr wenig Geld haben, da man in der Arbeitstherapie bis höchstens 11,50 Euro in der Woche verdienen kann. Da reicht es für die meisten gerade noch für Tabak und Zigaretten, die dann für sie auch noch eingeteilt werden. Jedoch haben wir hier eine Frau, die jede Menge Freizeitangebote ermöglicht. Mit ihr fahren wir zum therapeutischen Reiten, zum Schwimmen, ins Kino, mal auf ein Konzert oder zum Tanzen. Und dies alles für einen sehr geringen oder gar keinen Beitrag.

Dies ist für die zum großen Teil schwerst chronisch kranken Bewohner hier auch sehr wichtig. Manche sind psychisch krank oder geistig behindert oder kaum noch selbst mobil. Viele sind durch die Erkrankung sehr isoliert und stehen am Rande des normalen gesellschaftlichen Lebens, ohne Kontakte zu Familie oder Freunden. Einige sind zuckerkrank, haben einen Katheter, Altersdemenz, hören Stimmen usw..

Trotzdem ist es hier wie in einer großen Kommune für mich. Auch wenn manche Bewohner mich hin und wieder nerven und manche leidvolle Lebensgeschichte oder Lebenssituation mich sehr belastet, so bin ich doch froh in so einer Gemeinschaft zu leben, die mich ja auch mit trägt. Mitarbeiter und Bewohner duzen sich und es herrscht weitgehendst ein freundschaftlicher, familiärer Umgangston, wobei ich versuche den Schwächeren zu helfen. Auch mit den Nachtwachen verstehe ich mich ausgezeichnet, und wir sitzen des Abends noch gern bei einem Kaffee zusammen und tauschen uns aus.

Trotzdem ist es mein Ziel und mein Wunsch in den nächsten Jahren mit einem engen und sehr guten Freund, den ich in der Forensik kennen gelernt habe, in eine betreute Wohnung nach Münster zu ziehen und eine Wohngemeinschaft zu dritt, zusammen mit einem gemeinsamen Freud von uns aus Telgte, der jetzt trockener Alkoholiker ist, zu gründen, um wieder mehr Selbstständigkeit und Autonomie zu erlangen.

In der nächsten Woche habe ich zwei Vorstellungstermine in der “Werkstatt für behinderte Menschen”, einmal in einer Druckerei in Rietberg und einer Landschaftsgärtnerei in Gütersloh. Ich habe ja eine abgeschlossene Berufsausbildung als Landschaftsgärtner. So freue ich mich, dass ich mich auch in puncto Arbeit weiterentwickeln kann, denn die Arbeit in der Arbeitstherapie erlebe ich schon oftmals als sehr eintönig. In meiner Freizeit versuche ich mich schon seit langem als Schriftsteller. So habe ich schon einige Theaterstücke, Erzählungen und Gedichte geschrieben. Auch bin ich im Verein für Psychiatrieerfahrene aktiv und versuche mich für eine humanere Psychiatrie und Forensik mit zu engagieren. Auch bin ich jetzt hier in den Heimbeirat des Wohnheims gekommen, der die Interessen der Bewohner gegenüber der Leitung vertritt.

Vieles was für die so genannten “Normalen” selbstverständlich ist, wie eine eigene Wohnung, Führerschein, Auto, Wahlberechtigung, ist für die so genannten “psychisch Kranken” und vor allem auch für mich als Forensiker in der Beurlaubung vom Maßregelvollzug noch lange nicht selbstverständlich. So habe ich gelernt mich besonders auch über die kleinen Dinge im Leben zu freuen, wie ein Lächeln, ein nettes Wort und vor allem auch das Glück wunderbare Freunde und Freundinnen zu haben, die ich zum Großteil auch in Psychiatrie und Forensik gefunden habe. So freue ich mich inzwischen nach schweren, leidvollen Zeiten der Verzweiflung über diese wunderbare, großartige Chance, die mir Gott mit jedem neuen Tag, mit dem Leben schenkt.
(Thomas Hecht)