www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Begegnungen (I.J.)


Vor sechs Jahren begegneten sie sich zum allerersten Mal. Er forderte sie zum Tanz auf. Es war in der Tagesklinik. Sie hatte gerade einen Nervenzusammenbruch hinter sich, einen von vielen, die noch folgen würden. Sie war stationär im Krankenhaus. Nur zu dem Karnevalsfest durfte sie, nein, sollte sie auf Anordnung der Ärzte, zu diesem Fest in die Tagesklinik herunter. Sie hatte sich sogar etwas zurechtgemacht. Das dauergewellte Haar mit goldenem Puder besprüht, Schminke. Eine rot-schwarze Leggings und silberne Pantoffel.

Es war ein munteres Treiben zwischen Ärzten und Patienten. Selten konnten sie sich so gelockert geben. Nach dem Essen wurde die Musik lauter gestellt. Der Tanz begann. Bettina hatte ihren Mann mitgebracht, der aber nicht tanzen wollte. Ein fetziges Lied, und er kam auf sie zu. Sein Lächeln war bezaubernd. Seine gute Laune ansteckend. Sein Bauch liebevoll gewölbt. Sein schütteres Haar zeugte von verborgenem Charme.

„Darf ich bitten?“ Und Bettina entschwand im Saal.

Es war nur ein kurzes Intermezzo. Sie vergaß es bald unter der Last des Alltags. Kinder, Beruf, Ehe, alles, was zum Leben gehört. Sie purzelte von Zusammenbruch zu Zusammenbruch. Die Ärzte versuchten zu helfen, wo es ging und wo sie konnten.

Sie sahen sich gelegentlich, von weitem, auf den Fluren des Krankenhauses. Bettina fand, seine Augen hatten etwas Froschhaftes. Und sie war amüsiert über seinen eigenartigen Gang. Schwunghaft, wie ein Kamel. Immer am Ball, stets bemüht.


Bettinas Verzweiflung wurde immer schlimmer, da sich keine Besserung einstellen wollte. Sie wußte weder ein noch aus. Die Ärztin versuchte als erste, ihr Vertrauen zu gewinnen. Und mit Erfolg. Bettina vertraute sich ihr an. Das Leben sei zu Ende. Es hätte keinen Sinn mehr ...

„Es gibt hier einen Therapeuten, der Ihnen helfen kann. Er ist Psychologe.“

Ein Hoffnungsschimmer huschte über Bettinas Gesicht.


Sie saßen zu dritt. Dr. Haverkamp ihr gegenüber. Frau Dr. Dachs an ihrer Seite.

„Schlafen Sie und Ihr Mann schon mal ganz Arm in Arm miteinander ein?“ Er wand seine Hände und Arme und machte die Bewegung nach. Sein Blick war neugierig auf Bettina gerichtet. Er traf sie in ihrem Innersten. Eine zarte Saite war angeklungen.

Fast hätte Bettina laut geschrien. Sie war so verzweifelt.

Sie wollten eine Therapie beginnen.

Das war Montags.

Dienstags hatten sie ein erstes Gespräch.

Am Mittwoch durchzuckte die Erinnerung an seine Geste Bettina Mark und Bein. Sie ließ sich führen von seinem Verständnis, seiner Bereitschaft ihr zuzuhören, seinem Interesse. Sie hatte Vertrauen. Aus dem Vertrauen wurde Anziehung. Aus der Anziehung wurde Leidenschaft.

Vor jeder Therapiestunde bereitete sich Bettina sorgfältig vor. Sie schminkte sich besonders schön, kämmte noch einmal ihre Haare, überließ nichts dem Zufall. Dr. Haverkamp hatte ihr Herz erobert.

„Verzicht auf die Lust.“ Ein Deutsches Requiem von Johannes Brahms.

„Ich bin ein Mann. Ich habe auch Gefühle, die ich natürlich in die Therapie einbringe ...“ lange Pause, sie schweigen beide. Dann schließlich beendet er die Sitzung: „Wir müssen uns trennen ... „ Die letzte Stunde. Bettina verschlug es den Atem.

Zum Abschied schenkte sie ihm ihre Lieblings CD. Sebastiao Tapajos: Brasilidade. Erinnerungen an ihre Kindheit in einem fernen Land. Es war als schenkte sie ein Teil von sich selbst. Er war gar nicht darauf gefasst, etwas geschenkt zu bekommen. Bettina war gerührt von seiner Bescheidenheit und echten Freude.

Nach dem Mittagessen ging sie raus an den Parkplatz. Hier musste er vorbei kommen, wenn er nach Hause wollte. Sie traf eine Freundin mit einem Kinderwagen, wickelte sie ins Gespräch. Und siehe: er kam in seinem kleinen, grünen Auto. Winkte ihr gelassen zu. Bettinas Knie zitterten. Sie schaute ihm lange nach, als er nach links um die Ecke bog.

Entlassen hoffte Bettina innigst, seinen Wagen samt köstlichem Inhalt bald an ihrer Straßenecke zu treffen. Vergeblich.

Sie verzichtet auf die Lust, auf die Lust, ihn wiederzusehen. Sie vergräbt sich in dem Gedanken, dass es ihn schließlich gibt, dass er unermüdlich für Andere da ist. Sie tröstet sich damit, dass es ihn einfach gibt. Er muss nicht nur für sie da sein. Er ist einfach da.

Schwere Zeiten folgten. Verluste. Tod. Verzweiflung. Brahms immer wieder. Selig, die da trauern und Leid tragen. Der Verzicht auf die Lust, das Emporschwingen ins Irreale. Die Tränen des Requiems halten Bettina fest an die Erde.

„I'll be missing you“ von Puff Daddy bringt ihr Herz zum zerreißen. Sie tröstet sich mit Brahms. Sie vermisst „Brasilidade“.


Bettina versucht auf vielen Wegen, die CD irgendwoher zu bekommen. Vergeblich. Es gibt sie nicht mehr im Handel. Auch nicht in Übersee. Bettina trauert.

Bettina geht jetzt jede Woche ins Krankenhaus, um einen Freund zu besuchen. Sie geht zu einer Zeit, in der Dr. Haverkamp nicht mehr zu sehen ist. Sie berührt die Türklinken, die er jeden Tag anfasst. Sie geht den Korridor, den er entlang eilt. Sie spürt seinen Atem in den langen Fluren.

Mit ihrem Freund macht Bettina eine Motorradtour. Sie führt sie an seiner Privatpraxis vorbei. Bettinas Herz schlägt höher. Hier ist er also nachmittags ... Das blau gestrichene Haus sieht einladend aus. Das Motorrad kracht vorbei. Bettinas Herz rast.

Bettina verreist in die Türkei. Übrig bleiben Gedichtsfetzen.


Nach einem halben Jahr fasst Bettina Mut. Sie hat ein Kochbuch gekauft, aus ihrer Heimat, doch in der hiesigen Sprache. Sie will sich ihm zeigen. Sie will ihn.

Er ist zu sprechen. Er umarmt sie kameradschaftlich, doch sie fällt ihm um den Hals. Das Herz pocht wie wild. Sie überreicht ihm das Buch und bittet um eine Kopie der CD.

„Ich kann sie brennen lassen. Ich kenne da jemanden.“

„Das ist noch besser.“

„Ich melde mich, wenn sie fertig ist.“

„Sie haben meine Telefonnummer?“

„Ja, bis bald.“

Zu Hause ließ Bettina ihren Tränen freien Lauf. Sie konnte sich einfach nicht mehr halten. Das war zu viel für sie.


Nach vier Wochen langen Wartens und schlaflosen Nächten ruft Bettina selbst ihn in seiner Praxis an. Auf den Anrufbeantworter spricht sie:

„Guten Tag, Dr. Haverkamp. Erinnern Sie sich noch an mich und meine CD?“

Zwei Stunden später ruft er sie wieder an.

„An wen soll ich denn mehr denken? An Sie oder an Ihre CD?“

„Das verrate ich Ihnen nicht“ warf sie charmant zurück.

Sie wechselten das Gespräch zu einer Terminabsprache. Sie sollte ihn im Krankenhaus treffen. Obwohl ihr geheimer Wunsch war, ihn in einem gemütlichen Cafe ganz für sich zu haben. Ganz seinen Worten zu lauschen, ihm tief in die blauen Augen blicken. Doch Privates würde er wohl nie zulassen.


Zu ihrer Verabredung backte Bettina ein spezielles Gebäck mit auserlesenen Gewürzen. Sie wickelte die Teigteile in ein wunderschön gewirktes Leinentuch. Außerdem hatte sie noch ein Buch für ihn ausgesucht: „Die Türen öffnen sich langsam“ von Raissa Kopelev. Über die Schwierigkeit in Deutschland Fuß zu fassen. Besondere Mühe hatte sie sich mit den beiden CDs gemacht, die sie von ihm wieder brennen lassen würde. Musik aus uralten Zeiten. Liebesschnulzen von Zarah Leander und Frisch-Fröhliches von den Comedian Harmonists. Ein Hauch 30er Jahre. So wie sie sich auch fühlte.

Pünktlich erschien sie in der Klinik. Sie hatte sich ein schwarz-weiß-grün-gelb gepunktetes Kleid angezogen. Dazu schwarze Schuhe. Eine schwarze Ledertasche. Die Fingernägel lackiert, Schmuck umgelegt. Sie hatte sich gehörig zurecht gemacht. Sie war noch beim Frisör gewesen.

Doch Dr. Haverkamp ließ auf sich warten. Der Pfleger erkundigte sich nach ihm, machte auf sie aufmerksam. Erinnerte ihn an den Termin.

Er hatte ihn vergessen. Er entschuldigte sich pflichtbewußt. Aber „Brasilidade“ hatte er parat. Oh, wie freute sich Bettina, ihre heißgeliebte Musik wieder hören zu können. Sie war überglücklich.

„So viele Geschenke ...“

„Sie haben ja auch so viel für mich getan ...“

Sie konnten ein wenig plaudern. So viel Zeit hatte er für sie übrig. Zum Abschied gab sie ihm auf brasilianische Art einen Kuss auf beide Wangen. Er wusste nicht, wie ihm geschah.

„Sie tun sich damit weh.“ Flüsternd brachte er diese Worte heraus.

„Ich weiß, was ich tue.“ Sie verließ ihn. Draußen atmete sie kräftig durch. Was war passiert? Es würde lange dauern, bis sie sich wiedersehen würden. Bettina verbrachte die Zeit mit Träumen.

Sie würde ihm ein Geschenk für die Praxis machen. Ein Bild, ein Aquarell: Palme im Tränenmeer. In blau und grün. Sie suchte sich einen Rahmen aus für das großformatige Bild. Sie malte sich aus, wie sie es ihm überreichen würde ... In allen Details überlegte sie, wie sie aus dem Auto steigen, die Stufen zur Praxis hochgehen würde, ihm um den Hals fallen würde. Ihr Kleid hochschieben würde ... lhr wurde heiß bei der Vorstellung. Der Rahmen hatte die Farben eines Orgasmus: gold und dunkelblau.

Sie ließ den Bilderrahmen machen. Aber sie hängte das Bild in ihrem eigenen Wohnzimmer auf. Zur Erinnerung an flüchtige Gefühle, die sie wie eine zarte Wolke durch die Mühen des Alltags trugen.

Jede Nacht schlief sie in Gedanken um Dr. Haverkamp ein und wachte morgens wieder mit ihm auf. Ein magnetisches Band hatte sie verbunden.


Drei Monate später fragte sie nach, ob die CDs denn schon gebrannt wären. Nein, der Brenner sei defekt. Sie wolle ihm noch eine CD vorbeibringen. Sie brannte darauf ihn zu sehen.

„Machen Sie sich nicht unglücklich!“

„Im Gegenteil“ war ihre kurze und präzise Antwort.

Sie zog ihr rotes Kostüm an. Weiße geometrische Strumpfhose, schwarze Schuhe, schwarze Tasche. Schmuck vom Feinsten. Sie war schön. Auf dem Flur kam er ihr entgegen. Er hatte sich auch zurecht gemacht. Sein blauer Sakko spiegelte sich in den blauen Augen, die sie zu verschlingen drohten. Sie versank im Blau. Sekunden, die länger als Stunden währten. Es war nur ein Moment. Schnell ergriff er das Wort. Seine Gestalt war ihr Trost. Erleichtert und beflügelt ging sie nach Hause, nachdem sie ihm die CD „Natalie Imbruglia“ überreicht hatte.


Während der nächsten Warteperiode machte sie sich auf zum Fotografen. Sie ließ sich wie ein Model fotografieren. Sie posierte in schulterfreiem Dress, die Perlenkette eng umschlungen. Sie lächelte in die Kamera und war nur für ihn da.

Gedichte flossen ihr von der Hand. Schnell war ein Band zusammengestellt. Sie unternahm mehrere Reisen, um Dr. Haverkamp zu vergessen. Doch allein der Blick in den Himmel erinnerte sie an das Blau seiner Augen. Er war überall.


Schon Monate vor dem nächsten Treffen legte sie sich ihr Outfit für den nächsten Besuch zurecht. Sie kaufte sich einen braunen Filzhut mit großer Schleife im Rücken. Sie besorgte sich braune Lederhandschuhe. Der Mantel, den sie liebevoll ausgesucht hatte, passte vorzüglich. In Stiefeletten und umgeschlagenen Wollstrümpfen tigerte sie ins Krankenhaus, wie immer sorgfältig geschminkt und fieberte der Begegnung entgegen.

Er bemerkte sie von weitem, als sie fliegenden Schrittes auf die Station zukam. „Ist sie es oder ist sie es nicht?“ Die Monate hatten den überflüssigen Speck schmelzen lassen, und er war sichtlich betört durch ihr Aussehen und angenehm überrascht. „Ich hole eben die CDs“. Sie ging lässig hinter ihm her. So schnell war er wieder auf dem Gang. Schwestern und Patienten nahm sie nur am Rande wahr. Sie hatte nur Augen für ihn.

Das erste Patientensprechzimmer wurde gerade durch einen Psychiater, eine Sozialarbeiterin und eine Patientin nebst Gatten besetzt.

Entschlossen richteten sich seine Schritte in das andere Sprechzimmer auf der Station. „So sehen Sie auch mal die Station wieder!“ Trocken entgegnete sie: „Oh, ich komme öfter her. Ich besuche die Patienten aus der Selbsthilfegruppe. Das habe ich mir als Aufgabe vorgenommen.“ Überrascht schwieg er und schloss das Zimmer auf. „Nehmen Sie bitte Platz!“ Er war höflich und zuvorkommend, betrachtete sie eingehend. Nach anfänglichem Schweigen überreichte sie ihm das schon vor Wochen liebevoll vorbereitete Weihnachtsgebäck, worauf ein verzagtes „Oh“ aus seinen Lippen drang. Er blickte sie ernst an, nahm aber das Geschenk entgegen. „Sie haben mir einen sehr persönlichen Brief geschrieben ...“

Bettina konnte nur still nicken. Er fuhr fort. „Es ist unmöglich ... Mit mir ...“ Er sprach leise, aber eindringlich, ernst und charakterfest.

„Wenn es unmöglich ist, so ist dies doch ein Zeichen, dass ich in Wirklichkeit bei meinem Mann bleiben will ... Sonst hätte ich mir doch etwas Anderes ausgesucht...“

Er überlegte kurz, überrascht von ihrer gefassten Widerrede. „Das hat was ...“

„Es muss nicht alles bis ins Letzte in Erfüllung gehen. Es genügt schon, wenn man sich alle drei bis vier Monate sehen kann ... Manche Beziehungen sind so weit weg, dass man sie nie mehr wiedersieht. ...“

Sie war selbst erstaunt über ihr Verhalten. Sie kam sich sehr erwachsen vor und, vor allem, gleichberechtigt.

„Sie sind nicht mehr meine Patientin. Sie sind selbst verantwortlich für Ihr Glück.“

Inzwischen hatte er ihr die CDs überreicht. Bettina fragte nach dem Preis. „Das ist verjährt. Er hat von mir auch nichts genommen.“ - „Dankeschön.“

Ein letzter Blick. Er hielt es nicht mehr aus. Sie hielt es nicht mehr aus.

„Nun ist es vorbei mit dem Brennenlassen von CDs. Mein ältester Sohn hat sich einen Brenner gekauft. So kann ich ja nichts mehr begründen.“ - Er nickte.

Vom Thema abweichend, da es ja sichtlich abgeschlossen war, fragte sie nach seiner Familie. Ein letzter belangloser Satz, und er beendete das Gespräch, indem er aufstand. Er entließ sie in Eigenständigkeit.

Auf dem Gang wünschte er ihr schöne Feiertage. Er freute sich auf ein neues Jahr. „Man wird älter ...“ leise kamen ihr die Worte über die Lippen.

Eindringlich sagte er: „Die Seele wächst. ...“

Diese Worte begleiteten sie nach Hause, wo sie tränenüberströmt endgültig Abschied nahm. Sie zelebrierte den gefühlvollen Abschluss mit Musik. „Ein Deutsches Requiem“ von Brahms, was für sie Verzicht bedeutete. Ein letztes Aufbäumen mit Puff Daddy's „I'll be missing you“ und „Brasilidade“, der ersten von ihm gebrannten CD, nach der sie so lange gesucht hatte. Sie verpackte ihre schmerzenden Gefühle in ein kleines Paket legte ein Foto von sich und ein Bild, das sie von ihm gemalt hatte, ein Mandala, zusammen dahinein, verpackte es mit starrem Packpapier und wand ein sternengeschmücktes Band darum. Fest verschlossen wanderte das Päckchen ganz hinten ins Regal. Das Intermezzo war abgeschlossen.

Noch ein Aufbäumen. Sie hatten beide die CD Natalie Imbruglia vergessen. Eiligst rief sie auf den Anrufbeantworter. Ihre Worte verhallten im Äther. Natalie blieb für immer bei ihm. Er rief nicht mehr zurück. Sie beharrte auch nicht mehr darauf. Sie ließ ihn los. Sie war erwachsen geworden.

Nach einem Monat sah Bettina Dr. Haverkamp in der Oper. Sie spielten Orpheus und Eurydike. Bettina witterte ihn von weitem in der Menschenmenge, die sich im Foyer versammelt hatte, um den einleitenden Worten des Maestro zu lauschen. Unverwechselbar das schüttere Haar, die breiten Schultern, konventionell in den dunklen Anzug gezwängt. Kurz wandte er sein markantes Profil mit der leichten Metallbrille nach links, um einen älteren Herrn zu begrüßen. War er in Begleitung? War er allein? Bettina konnte kein weibliches Wesen zuordnen, als einen schmalen Schatten, vornehm in Purpurschwarz gekleidet. Hastig ging sie die Treppe hoch, beobachtete von weitem, ohne sich zu trauen ihm zu begegnen. Ein Hauch von ihm begleitete sie auf ihren Platz. Ohne Pause lief die Inszenierung ab, so dass sie nicht befürchten musste, ihn zu treffen. Nach der Vorstellung hastete alles in Richtung Garage.

Allein den Reichtum, ihn wieder gesehen zu haben und dazu noch so unerwartet, erfüllte ihre Schritte zum Ausgang. Mit allen Fasern genoss sie ein letztes Aufbäumen, einen Taumel. Nur der Respekt hielt sie vor weiteren Annäherungen zurück. Und sie nahm eine große Erfahrung mit sich.
(Ingrid Jacob 1998)