www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Ausgeliefert (A.)


Im Zeitraum Mai 2000 bis Dezember 2001 hatte ich drei längere Aufenthalte in der Psychiatrie, die ich in einem Wort zusammengefasst als schlimm empfunden habe.
Besonders auf der offenen Station waren die Tage geprägt durch Langeweile und zogen sich hin wie Kaugummi. Im Gegensatz zur geschlossenen Station fielen meine wenigen Therapien öfters wegen Krankheit oder Urlaub eines Mitarbeiters aus. Wollte ich unter Menschen sein, blieb mir als einzige Nichtraucherin unter den Patienten nichts anderes übrig, als mich im Raucherzimmer aufzuhalten. Das war ausgerechnet der kleinste Raum auf der offenen Station, in den sich dann alle drängten. Lediglich einmal in all den Monaten hatte ich Glück, dass für circa vier Wochen eine weitere Patientin nicht rauchte.

Selbst auf der offenen Station fühlte ich mich wie ein Tier im Zoo, das auf unnatürlich kleiner Fläche seine Runden dreht, da es verboten war, das Klinikgelände zu verlassen. Ein Verbot, das öfters von Patienten missachtet wurde, um an einer nahegelegenen Tankstelle zum Beispiel Getränke zu kaufen. Jeder Patient erhielt pro Tag eine 3/4-Liter-Flasche Wasser kostenlos. Der Durst war meist größer, da die Medikamente einen trockenen Mund verursachten. Zwar bestand die Möglichkeit, das ein oder andere im Sozialzentrum auf dem Klinikgelände zu erwerben, allerdings zu höheren Preisen als an der Tankstelle und die meisten Patienten mussten jeden Cent umdrehen.

Unabhängig vom Wetter bin ich oft auf dem Klinikgelände unterwegs gewesen, um nicht nur herumzusitzen und um Stress abzubauen. Viel Anregung boten diese Spaziergänge allerdings nicht, denn nach kurzer Zeit kannte ich dort jeden Baum und jeden Strauch. Hin und wieder gingen wir als Gruppe in Begleitung eines Pflegers außerhalb des Geländes einkaufen. Nach meinem Geschmack viel zu selten und zu kurz. Spontane Unternehmungen waren nicht möglich, da die Absprachen und Genehmigungen ihre Zeit beanspruchten. Es musste vom Personal ein Antrag ausgefüllt und der dann vom Arzt unterschrieben werden. Da es mir unangenehm war, solche Umstände zu verursachen, beschränkte ich meine Ausgangswünsche. Ich hatte das Gefühl, das normale Leben zu verlernen.

Einmal kam ich auf der Geschlossenen in den Genuss eines Zweibettzimmers. Was für ein Luxus! Mit meiner Bettnachbarin verstand ich mich gut. Ein bisschen hatte ich sie mir zum Vorbild genommen, da sie sich traute, offen ihre Meinung zu sagen, was mir selbst immer schwer fiel. Ich habe sie als selbstbewusst, aber nie als aggressiv erlebt und war wie vor den Kopf geschlagen, als es bei ihr zu einer Fixierung kann. Warum, weshalb, wieso – ich weiß es nicht, aber es hat mir Angst gemacht. Ich vermutete dahinter eine „Erziehungsmaßnahme“ wegen ihres selbstbewussten Auftretens. Damit mir nicht das Gleiche passiert, nahm ich mich noch mehr zurück.

Sicher, es gab nette Pfleger und Pflegerinnen. Bei einigen hatte ich dagegen das Gefühl, sie kosteten ihre Macht über die Patienten aus. Gute Unterstützung erhielt ich von den Sozialarbeitern der Klinik. Mit ihnen habe ich nur positive Erfahrungen gemacht.
(Angela)