www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Verrückte Theorien, einige Beispiele (T.J.)


Arbeitsverhältnis: telepathischer CIA-Agent

Eine resistente psychotische Wahnidee aus dem kalten Krieg hat mir einmal ein Mitpatient erzählt: Der Geist seiner verstorbenen Freundin kundschaftet sowjetische Flugplätze und Militärstandorte aus. Sie übermittelt ihm ihre Beobachtungen und er gibt sie telepathisch an den CIA weiter. Sein ganzes Arbeitsverhältnis beim CIA läuft ganz auf telepathischer Basis.

Probleme im Alltag hat dieses Arbeitsverhältnis eigentlich kaum verursacht. Solche Problemlosigkeit fördert die Resistenz der Wahnideen. Dagegen bringt dieser Wahnsinn interessante Beschäftigung, einiges an Selbstwert und nebenbei noch Kontakt zum Geist eines geliebten Menschen mit sich.


Anwalt vor dem Herrn: Tod für die Sünden der Menschen

Biblische Geschichten sind oft, oder sogar meistens, recht phantastisch, und man fragt sich, ob das denn wirklich so gewesen ist. Was da Gott so alles sagt, verfügt und tut, ist weder zu beweisen noch zu widerlegen. Lassen wir es offen, glauben wir dran oder vergessen wir es einfach, so oder so können wir uns nur auf unseren Verstand, unser Wissen und die eigenen Erfahrungen verlassen, wenn wir konkrete Entscheidungen zu treffen haben. Auch der Glaube stört im Alltag wenig, solange man sich genug Weltoffenheit bewahrt.

Die Lebensgeschichte von Jesus endet nach einer kurzen Karriere als Wanderprediger mit der letztlich erfolgreichen Verfolgung durch die Mächtigen seiner Zeit. So ans Kreuz genagelt stirbt es sich mit anderer Perspektive, wenn man mit seinem Tod noch die Schuld der Welt mitnimmt. Auch diese Geschichte ist wie die vorherige nicht zu widerlegen. Es spielt sich alles im Geiste ab, es gibt keine Möglichkeit der Überprüfung an harten Fakten.


Eine andere Weltgeschichte: Indianerseelen gegen Judenseelen

Eine rechtsradikal eingefärbte Geschichte ist auch interessant: Seit etwa 5000 Jahren tobt ein Kampf zwischen Menschenseelen aus alter Zeit, die für Stärke, Naturverbundenheit und Freiheit stehen, gegen modernere Seelen, die für Geldgier, Korruption, Unfreiheit und persönliche Schwäche sowie seelische Minderwertigkeit stehen.

Zu verstehen ist dieser Seelenkrieg auf der Basis von Wiedergeburt, die Kontrahenten setzen ihren Kampf nach dem Tod im nächsten Leben fort. Im Endkampf werden die guten Menschenseelen gewinnen und die Welt von Korruption und von der Herrschaft durch minderwertige Menschen befreien. Insbesondere Judenseelen, die aktuell nicht unbedingt etwas mit der jüdischen Religion zu tun haben müssen, sind hier mit den Feinden des Lebens gemeint. Die guten Seelen sind die von Indianern, den alten Germanen und ähnlichen zu den Naturreligionen zählenden Kulturen.

Die Realitätsprüfung muss auch an dieser Geschichte scheitern: Wer weiß schon im Zusammenhang mit Wiedergeburt über den Hintergrund des menschlichen Charakters Bescheid?


Zum Gott geworden: Kontemplation bis zum Buddha

Auch die buddhistische Tradition ist in ihrem Realitätsgehalt schwer einschätzbar. Wiedergeburt hat hier das Ziel der Vervollkommnung der Seele. Was man da jetzt genau vervollkommnet, und wie man diese Vervollkommnung über den Tod hinaus in einem neuen Körper fortsetzt, ist mir schleierhaft. Ich sehe das Leben als einen Kampf mit den Verhältnissen und auch mit sich selbst, der aber doch ganz auf die aktuelle Lebenssituation zugeschnitten sein muss, wenn er zu Ergebnissen kommen soll.

Das Ziel ist hier die reine Geistigkeit im Einssein mit Gott, und die buddhistischen Bemühungen lassen erst im fortgeschrittenem Stadium überhaupt erahnen, was das denn ist. Meditation und Kontemplation sind auch ein rein geistiger Vorgang, und seine Sinnhaftigkeit kann mit harten Fakten weder widerlegt noch bestätigt werden. Solange man nicht so viel Zeit mit Meditation verbringt, dass man fürs reale Leben nicht mehr genug Zeit hat, wird man als Buddhist im Alltag aber auch keine Probleme haben.


Ein Kampf gegen die Schlaflosigkeit: Gute Geister gegen böse Geister

Ein Mitpatient hat mir mal seine Geschichte erzählt: Als Mensch mit paranormalen Fähigkeiten von Kindheit an hatte er irgendwann Probleme mit Geistern bekommen. Diese haben ihn Nacht für Nacht bedrängt und sogar angefasst, so dass er nicht schlafen konnte. Er hat es schon mit einem Kreuz unter dem Kopfkissen probiert, aber nur mit mäßigem Erfolg. Dann hat er das Kreuz unterm Kopfkissen falsch herum gelegt, aber auch das hatte nur vorübergehend geholfen. Immerhin hatte er nur im Dunkeln diese Probleme, tagsüber konnte er in Ruhe schlafen. Er konnte auch nachts aufbleiben und lesen, oder sich anderweitig beschäftigen, dabei störten ihn die Geister nicht.

Kurioserweise hatte er nur bei abnehmendem Mond diese Schwierigkeiten, bei zunehmendem Mond bekam er von einer Bruderschaft von guten Geistern Unterstützung, die die ihn bedrängenden Geister von ihm fernhalten konnten, so dass er dann in Ruhe auch nachts schlafen konnte. Die Schwierigkeiten gingen schon über 10 Jahre, und niemand konnte ihm helfen. Weder Medikamente noch Psychotherapie brachten auch nur die geringsten Verbesserungen. Ihm selbst blieb nichts anderes üblich, als diese Geister für real zu halten.

Wirklich Probleme hatte er damit allerdings nur in der Psychiatrie, weil er da tagsüber nicht schlafen durfte. Darüber hinaus musste er dort eigentlich Arbeitstherapie machen, was nur bei zunehmendem Mond möglich war, wenn er durch den Schutz der guten Geisterbruderschaft nachts schlafen konnte.


Vermittler zwischen den Welten: unumgängliche Rituale für das Gleichgewicht der Welt

Das Tollhaus, in dem Schamanen in naturreligiösen Kulturen leben, toppt noch jede Psychiatriekarriere. Wenn die Stammesmitglieder mit gesundheitlichen Problemen zu ihm kommen, muss er sich, oft mit Drogen, in Trance versetzen und mit allerlei Ahnengeistern und Dämonen das aktuelle Problem seines Clienten diskutieren. So kann er dann die Krankheit individuell erklären, und weiß auch ob Hilfe möglich ist, die er dann auch leisten kann. Es ist durchaus erwiesen, dass dieses Behandlungsverfahren meistens wirklich gesundheitliche Verbesserungen bringt.

Aber darüber hinaus muss ein Schamane auch vorsorglich für Schutz vor Feinden, gute Ernte oder für Jagdglück, für Warnungen vor Naturkatastrophen und insgesamt für das Gedeihen des ganzen Stammes sorgen. Dafür muss er einen Riesenaufwand koordinieren. Es müssen unzählige Rituale und Feiern abgehalten werden, solche Kulturen investieren oft ihre halbe Arbeitszeit in die dafür vorgesehene Kleidung, den Schmuck und natürlich in die Feiern selbst.

Im Rahmen dieser Aktionen muss sich der Schamane regelmäßig in Trance versetzen und diese komplizierten Verfahren mit der Geisterwelt abstimmen, gute Geister rufen und böse Geister vertreiben. Nebenbei muss er noch die Zukunft vorhersagen, Heiraten unterstützen und Streitigkeiten klären. Schamanen müssen sehr belastbar sein und auch den mit Ihrer Arbeit verbundenen Drogenkonsum vertragen, ohne wahnsinnig zu werden. Hut ab, das muss man erst mal aushalten.


Eine neue Physik: Informatischer Prozess im Vakuum

Meine eigenen Erfahrungen mit dem Wahnsinn erfordern eigentlich eine Erklärung für mystische Erlebnisse, die der gängigen Physik widersprechen. Ich bin damit nicht alleine, auch viele andere Menschen, nicht nur psychisch Kranke, haben öfter solche Erlebnisse. Für Mediziner ist die Antwort einfach: Was es nicht geben kann, muss dann eben eine Sinnestäuschung bzw. eine psychotisch bedingte Anwandlung sein.

Aber verrückt wie ich bin, habe ich mir trotzdem überlegt, wie man die Theorien der Physiker so erweitern könnte, dass auch echte mystische Erlebnisse ohne die Psychoseannahme erklärbar werden. Heraus kam die Annahme, dass im Vakuum des Raums selbst eine Art informatischer Prozess läuft, der sich in intelligenter Art und Weise überlegt, was er mit der Wirklichkeit machen will. Um diese gezielten Eingriffe in die Wirklichkeit umzusetzen, kann dieser Prozess dann Quantenereignisse gezielt manipulieren und zu den gewünschten Ergebnissen kommen.

Meistens lässt er es einfach zufällig laufen, aber wenn es drauf ankommt, kommen dann doch die Wunder im Leben heraus, die wir immer wieder erleben. In den Messungen der Physiker würden diese Eingriffe überhaupt nicht als solche auffallen, weil sie wohl eher selten sind, und man würde deshalb einfach denken, eine Fehlmessung gemacht zu haben.

Charmant an dieser Theorie ist, dass die uns bekannten physikalischen Erkenntnisse weitgehend unberührt bleiben. Man müsste eben nur bei eigentlich von Grund auf zufälligen Quantenereignissen mit gezielten, ergebnisorientierten Ausnahmen rechnen.

Wie in den anderen Fällen auch, ist diese meine Theorie schwer widerlegbar und ebenso schwer anhand von Fakten zu beweisen. Ich kann also hoffen und träumen, dass diese Welt tatsächlich beseelt ist. Ich stelle aber fest, dass im Alltag meistens sowieso nur die konkreten Fakten zählen, es also keine Rolle spielt, ob an meiner Theorie was dran ist oder nicht.


Das Ende der Welt: viel Wind um Nichts

Ein Anhänger einer christlichen Sekte erzählte mir einmal von dem damals aktuellen Weltende: Nachdem der Antichrist, der sich zur Zeit unerkannt in der Weltpolitik nach oben arbeitet, sein wahres Gesicht zeigt, wird er die politische Welt so weit destabilisiert haben, dass es zum Weltkrieg kommt. Dabei wird dann Europa zum entscheidenden Schlachtfeld. In die dortigen Kampfhandlungen werden am Ende noch die Chinesen vom Atlantik her eingreifen. Im Zuge eines Rückzugmanövers der Sowjets bleibt in Tschechien ein Atombombenlager zurück, das versehentlich explodiert.

Diese Explosion wird so heftig sein, dass es ein weltweites Erdbeben geben wird, das drei Tage andauert, und es wird danach kein Stein mehr auf dem anderen sein. Genau dieses Endergebnis hat seine Sekte schon in ihrer Interpretation der Bibel gefunden. Die Erkenntnisse über den genauen Ablauf dieses Weltendes stammen von einem Medium aus Österreich, dessen Voraussagen bisher immer eingetroffen sind.

Solange diese Erwartungen noch in der Zukunft liegen, sind sie auch vorerst nicht unbedingt widerlegbar. Dummerweise ist der vorhergesagte Termin inzwischen abgelaufen, aber ich bin mir sicher, dass diese Sekte schnell einen neuen Termin mit einer neuen Geschichte vom bevorstehenden Weltende gefunden hat. Nur dass mit dem dreitägigen Erdbeben aufgrund der Explosion des Atombombenlagers wäre von vorn herein auszuschließen gewesen. Dafür würden meines Wissen auch 10.000 Atombomben nicht ausreichen, und mehr Atombomben gibt es nicht.


Horrortrip: Schachmatt für den Teufel

Dies ist eine kurze psychotische Episode, die zwar heftig, aber in sich leicht widerlegbar war, so dass sie nicht resistent werden konnte: Plötzlich dreht sich die Betrachtung des eigenen Lebens zu der Vision um, selbst der Teufel zu sein. Alles was man bisher erlebt hat war nur eine Show mit dem Ziel, einem selbst das Handwerk zu legen. Alles Böse in der Welt hat man selbst verursacht, seit Jahrtausenden, und jetzt ist endlich Schluss damit. Die nächste Konsequenz wäre jetzt die eigene Vernichtung durch Auslöschung.

Da diese Auslöschung nicht statt fand, widerlegte sich die Sache dann schnell selbst. Die psychotische Episode setzte sich noch Tage lang fort, aber dann mit anderen, gemäßigteren Inhalten. So geht es den meisten psychotischen Inhalten. Sie sind so bizarr, dass man auch mit wenig Urteilsfähigkeit den Irrsinn schnell als solchen erkennt.

Der resistente Wahnsinn ist meistens von der Sache her schwer widerlegbar und in seinen Auswirkungen auf den Alltag begrenzt. Im Prinzip kann er das Leben bereichern und kann positive Auswirkungen haben, die mit großen oder kleinen Religionen vergleichbar sind. Schon gar nicht muss jeder Irrsinn therapeutisch ausgemerzt werden.
(Tobias Jeckenburger)