www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Bin ich überhaupt krank? Ich bin wie ich bin. (T.J.)


Das ist eine gute Frage und eine eigentlich offensichtliche Antwort. Ich lebe, und kann kaum etwas anderes machen als weiterzuleben, egal an was ich jetzt erkrankt bin. Wenn ich z.B. dement bin, werde ich eben immer dümmer, egal ob ich weiß, ob ich dement bin oder nicht. Eigentlich muss ich nur zum Arzt gehen und die Pillen nehmen, die er mir verschreibt. Wenn mir meine Frau die Pillen heimlich in den Kaffee tut, helfen die auch, ohne das ich überhaupt weiß, dass ich dement bin.

Der Mediziner hat eine andere Perspektive. Er vergleicht, um Behandlungsoptionen zu finden. Er will wissen, welche seiner Werkzeuge er in meinem Fall anwenden kann. Deshalb muss er z.B. meine Gefühlslage einschätzen und benennen, damit er z.B. depressive Gefühlslagen mit Antidepressiva oder manische Gefühlslagen mit Neuroleptika behandeln kann. Wenn er das nicht macht und einfach irgendein Mittel aus dem Schrank holt, kann man sich vorstellen, zu welchen Katastrophen das führen würde. Die Medikamente sind oft sehr stark und würden einen völlig aus der Bahn werfen, wenn man sie wahllos einnehmen würde. Wenn man gesunden Menschen z.B. Neuroleptika gibt, verfallen die sofort in eine fürchterliche Depression und können gar nichts mehr machen. Oder wenn man alkoholisierten Menschen Valium gibt, rasten die völlig aus.

Für mich selber dagegen sind ohnehin kaum Selbstbehandlungsoptionen vorhanden, und die wenigen Optionen sind auch bei weitem nicht so gefährlich wie die Medikamente, die der Arzt im Schrank hat. Wenn ich depressiv bin, kann ich eigentlich nur versuchen, mehr schöne Sachen zu machen und mehr unter die Leute zu gehen. Und wenn ich manisch bin, kann ich versuchen, mehr Schlaf zu finden, mich abzuregen, aufregende Aktionen vermeiden und auf mein Geld aufpassen. Da ich das in diesen Beispielen ohnehin kaum kann, ist es entsprechend unwichtig, ob ich mich jetzt als depressiv oder nicht einschätze. Ich kann ja kaum etwas anderes machen, als einfach weiter zu leben.

Wenn ich z.B. nach einem Unfall einen Bänderriss im Fußgelenk habe, muss ich erst einmal auf Krücken herum humpeln. Dafür sorgen schon die Schmerzen, das mache ich sowieso. Wenn mir ein Arzt zur Operation rät, muss ich eigentlich nur klären, ob ich diesem Rat vertrauen kann. Wenn die Person des Arztes an sich schon Vertrauens erweckend ist, muss ich den Sachverhalt nicht einmal prüfen und lass mich dann eben operieren. So viel anders sollte das bei psychischen Krankheiten auch nicht sein.

Und doch gibt es gerade bei Psychosen oft einen regelrechten Krieg um die Einnahme der Neuroleptika und um die Unterbringung im Krankenhaus, der jahrelang andauern kann. Für die Mediziner ist die Ursache dieses Krieges schnell gefunden: Es mangelt eben aufgrund der Krankheit an Krankheitseinsicht. Jetzt wird es auf einmal richtig wichtig, dass der Patient seine Diagnose halbwegs versteht und vor allem glaubt. Eben weil sonst die Medikamenteneinnahme schwierig ist. Bei einem Bänderriss am Fußgelenk taucht der Begriff Krankheitseinsicht überhaupt nicht auf. Wenn man dem Rat zur Operation traut, lässt man sich operieren, und wenn man dem Rat nicht traut, geht man eben zu einem anderem Arzt und hört mal was der sagt, oder wartet erst einmal ab, wie sich der Fußschaden entwickelt. Es soll ja immer öfter vorkommen, dass unnötige Operationen nur des Geldes wegen angestrengt werden.

Im Prinzip muss man damit auch bei psychiatrischen Angelegenheiten zumindest rechnen. Äußerst unangenehm ist natürlich, dass man bei psychischen Krankheiten wenig Möglichkeiten hat, einen Arzt loszuwerden, dem man nicht vertraut. Insbesondere in schweren Krisen, die einen Krankenhausaufenthalt erfordern. Ich denke, dass das die Hauptursache für den Krieg ist, der bei Psychosen so oft geführt wird. Wahrscheinlich wäre es meistens hilfreich, wenn Psychiater sich mehr um das Vertrauen ihrer Patienten bemühen würden, als diese als krankheitsuneinsichtig abzustempeln und mit einer Extraportion Medikamenten zu bedienen, oder gar ans Bett fesseln zu lassen, was jedes Restvertrauen dann wirklich nachhaltig zerstört.

So wichtig die Medikamenteneinnahme bei Psychosen auch ist, und wie wichtig auch unter Umständen ein Krankenhausaufenthalt ist: darüber hinaus ist die Krankheitseinsicht so wichtig dann auch wieder nicht. Man kann seine Psyche nicht abschalten, und muss da weiterleben wo man sich befindet. Der Wahnsinn geht eben seinen Weg, aus der Nummer hilft einem die Krankheitseinsicht nicht wirklich heraus. Wenn man Glück hat, helfen die Medikamente, und man findet sich im Leben wieder zurecht. Wenn nicht, geht das Chaos eben erst einmal weiter. Das hängt nicht direkt von der Krankheitseinsicht im Sinne der üblichen Diagnosen ab. Indirekt unbedingt, oft bringen einen nur die Medikamente wieder runter, und oft kann nur ein zeitweiliger Krankenhausaufenthalt die Obdachlosigkeit verhindern.
(Tobias Jeckenburger)