www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Religionen und andere Differenzen in der Weltanschauung (T.J.)


Resistente Wahnideen ähneln oft religiösen Legenden. So wie sich Religionen gegeneinander abgrenzen oder sogar bekämpfen, gerät man mit resistenten Wahnideen auch in Konkurrenz zu Religionen und zu nichtreligiösen weltanschaulichen Konzepten.

Weltanschauliche Konzepte und Religionen sind nicht einfach nur Meinungen über Gott und die Welt. Hier geht es auch um Antworten auf Fragen, die unbeantwortet unerträglich sein können. Außerdem hat so manche Religion politische Macht, mit der sie sich selbst fördert, und so manche politische Macht propagiert weltanschauliche Konzepte, die ihre Macht festigen.

Brennende Fragen wären hier: Was kommt nach dem Tod, was ist die Seele, wo kommen wir her, woher kommt die Welt, wo ist das Ende der Welt, wer sind die Götter, was verlangen die Götter von uns, was hilft bei Krankheiten, was bringt uns die Zukunft…??
Diese Fragen fordern eine schnelle Antwort, und sind zugleich kaum zu beantworten. Provisorien bestimmen hier das Feld, und doch wird oft sogar mit Gewalt versucht, eine einzige, unzureichende Antwort für alle verpflichtend zu machen.

Effekte und Emotionen des Wahnsinns legen meistens eine Erfahrungswelt nahe, die sich irgendwo zwischen den gängigen Weltanschauungen abspielt und Spiritualität als Realität erfordert. Entsprechend anders sehen die Antworten auf die oben genannten brennenden Fragen aus. Inwieweit hier Chaos des Wahnsinns oder doch auch reale geistige Erfahrungen am Werke sind, ist im Einzelfall gar nicht so einfach zu sagen.

Unser medizinisches System hat auch seine Weltanschauung. Es betrachtet den Menschen als Biomaschine und die Seele als eine Gehirnfunktion. Gott, Geist und ähnliche Vorstellungen, die das Leben interessant machen können, kommen in dieser Medizin nicht vor. Die medizinisch-wissenschaftliche Weltanschauung wird von der Masse der Patienten nicht unbedingt geteilt. Normalerweise ist das kein Problem, weil Arztbesuche freiwillig sind, und man Ärzte wechseln kann. Außerdem ist ärztlicher Rat prinzipiell kein Befehl, sondern eben ein Rat. Die Zeugen Jehovas z.B. lehnen grundsätzlich Bluttransfusionen ab, und in der Praxis wird das auch notgedrungen von den Ärzten respektiert.

Auch alternative medizinische Konzepte sind bei uns nicht grundsätzlich verboten. Die Homöopathie z.B. ist immer noch nicht verboten worden, obwohl sie von den medizinischen Wissenschaften für kompletten Unsinn gehalten wird. Auch persönliche Eigenarten von Patienten müssen normalerweise respektiert werden. Wenn ich z.B. gegen Antibiotika bin, weil ich meine, dass meine innere Balance davon gestört wird, muss das jeder Arzt respektieren, auch wenn er meint, dass das für meine Gesundheit jetzt gefährlich ist.

Von solchen Freiheiten kann man als Psychiatriepatient nur träumen. Und selbst im nichtstationären Bereich kann es sehr schwierig werden, persönliche Einschätzungen seiner Gesundheit oder von medizinischen Maßnahmen durchzusetzen.

Und dazu kommt noch, dass die psychischen Krankheiten schwer zu diagnostizieren und schwer zu behandeln sind. Die medizinische Wissenschaft hat die psychischen Krankheiten überhaupt noch nicht verstanden, und die Therapiemöglichkeiten sind begrenzt, langwierig und oft ohne Erfolg. Auch die Psychologie hat meiner Ansicht nach noch nicht viel vom Menschen verstanden, so dass man ihren Maßnahmen auch nicht einfach so vertrauen kann.

Vor dem Gesetz gilt der Inhalt von psychiatrischen Gutachten dennoch als Feststellung der Realität, obwohl es meistens ziemlich unsicher und oft haarsträubender Unfug ist, was in diesen Gutachten so drin steht, wenn man es wirklich mit der Realität des Patienten vergleicht. So entledigt sich die Justiz schwieriger Entscheidungen, und die Psychiater freuen sich über fette Honorare für die Gutachten, und so manch einem gefällt auch die Macht, die seine Position so mit sich bringt.

Die schlecht verstandenen psychischen Krankheiten werden einfach zur Realität erklärt, Widerspruch ist nicht möglich. Was in den Lehrbüchern drinsteht gilt einfach. Die Definitionen der Krankheitsbilder haben Gesetzeskraft, alternative Einschätzungen sind nicht vorgesehen und werden meistens einfach zum Krankheitsbild dazugerechnet.

Im stationären Bereich wird Widerstand gegen die vorgesehene Behandlung meistens nicht geduldet, und immer noch mit Fixierung, Zwangsmedikation und Freiheitsentzug behandelt. Auch im ambulanten Bereich muss man als Patient mit Betreuern und Psychiatern vorsichtig sein.

Hat sich hier ein moderner Klerus gebildet, der die Machtstrukturen der Gesellschaft mit rechtlicher Absicherung der wissenschaftlichen Weltanschauung zu stabilisieren versucht? Ich denke nicht, man versucht nur, sein Geld zu verdienen und sich die Arbeit einfach zu machen. Es ist zwecklos, heutzutage eine bestimmte Weltanschauung durchzusetzen. Es gibt glücklicherweise in unserer modernen Gesellschaft so viele verschiedene Weltanschauungen, dass man keine spezielle Weltanschauung mehr durchsetzen kann, auch nicht das aktuelle wissenschaftliche Weltbild.

In der Psychiatrie hat man es mit einem recht starren System zu tun und muss schon gucken, wo man da bleibt. Weltanschauliche Differenzen mit seinem Psychiater können einem als Psychiatriepatient reichlich Schwierigkeiten bereiten. Konzentration auf den Alltag, vor allem im Gespräch mit Psychiatern, ist da hilfreich.

Wohlfühlen kann ich mich mit Menschen, die wissen, was sie nur glauben, und die respektieren, dass man auch was anderes glauben kann. Weltoffenheit ist wichtig, auch wenn es schwierig ist, die brennenden Fragen des Menschenlebens nicht endgültig beantwortet zu haben. Dann können wir zusammenarbeiten, und uns auf die Dinge konzentrieren, mit denen wir uns wirklich auskennen, und die sowieso den meisten Alltag ausmachen.

So haben wir einander als Menschen in der gemeinsamen Wirklichkeit. Dort begegnen wir uns, die Realität jenseits von Glauben, Zugehörigkeit und auch jenseits des aktuell geltenden „Wissens“ macht dann doch das Wesentliche im Leben aus. Eine Realität, die lebt, selbst wenn wir kaum wissen, was da eigentlich vor sich geht.
(Tobias Jeckenburger)