www.introspektiva.de - Die Wirklichkeit psychischer Krankheiten - Subjektivität als Maßgabe und Menschenrecht - ein Buchprojekt vom KLuW e.V.

Meine Kommentare auf scilogs.spektrum.de 2020/09 (T.J.)


Kommentar vom 06.09.2020 00:54
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-28-hannah-und-der-beginn-der-juedischen-mystik/

@Michael Blume Hauptartikel

„Doch auch aus der Hirnforschung wissen wir inzwischen, dass Spiritualität – das Aufweichen der Ich-Umwelt- Abgrenzungen – genauso universell ist wie Religiosität, dem Glauben an überempirische Akteure, an übermenschliche Wesen. Diese beiden Erfahrungsdimensionen werden in ganz unterschiedlichen Gehirnregionen bearbeitet und können auch unabhängig voneinander auftreten: Es gibt tatsächlich völlig nicht- spirituelle Formen der Religiosität wie umgekehrt auch spirituelle Traditionen, die jeden Bezug auf höhere Wesen ablehnen.“

Das finde ich ja ganz interessant. Ich mag auch gerne Spiritualität, kann aber mit Göttern, Geistern und Dämonen nichts anfangen. Ich stell mir auch eine im ganzen Universum wirksame kosmische Geisteswelt vor, aber auf keinen Fall so was ähnliches wie wir es als Personen mit menschlichen Gedanken und Empfindungen sind. Noch weniger kann ich mit Religionsgemeinschaften anfangen, und entsprechend schon gar keine religiös begründeten Verhaltensregeln.

Mit der irdischen Justiz bin ich eher im Überfluss schon ganz gut bedient, hier ist ja vor allem die konkrete soziologische und politische Erfahrung für maßgeblich. Von der alten religiös motivierten Gerichtsbarkeit des Mittelalters sind ja „Gott sei Dank“ nur noch Reste von übrig.



Wegmoderierter Kommentar vom 04.09.2020 14:22
https://scilogs.spektrum.de/hlf/laplace-die-karnickel-und-das-chaos/

@lion in oil 04.09. 08:50

„...der Weltraum ist der Speicher...“ Genau so stell ich mir das auch vor. Die Wirklichkeit muss in sich selbst die Dinge verarbeiten, was immer passiert, und wie immer das jetzt auch konkret abläuft.

Das Blätterteigmodell zeigt sehr gut Varianten auf, wie Zufall als mathematische Überlegung gedacht werden kann. Die Übertragung auf die Welt der Physik gelingt dann im Karnickel-Modell schon ganz gut. Allerdings ist dieses dann doch alles noch abstrakt, würde ich sagen.

Wenn es um uns selber, um unsere psychische Existenz geht, dann bildet hier wohl das Verhalten von Molekülen und von ihren chemischen Reaktionen die Grundlage dafür, wie das Gehirn funktioniert. Abstrakte Überlegungen wie das Blätterteigmodell helfen hier nicht weiter, diese Zahlen haben keinen Einfluss auf die chemischen Reaktionen innerhalb unserer Nervenzellen und an den Synapsen. Aber die Zufälligkeiten, die genau beim Verhalten der Biochemie real vorkommen, wirken sich direkt auf unser Bewusstsein und unsere gesamte psychische Existenz aus.

Wenn ich also die Art der Zufälligkeiten im biochemischem Kosmos untersuche, bin ich auch an den Zufälligkeiten unserer psychischen Existenz nah dran, scheint mir.

Wenn ich die Quantenphysik vom Verhalten von Molekülen richtig verstehe, so bauen sich hier Wellenfunktionen zu Superpositionszuständen auf, die dann regelmäßig zusammenbrechen und teils wirklich zufällige neue Zustände ergeben, auf deren Grundlage sich dann neue Wellenfunktionen aufbauen. Das ganze läuft dann in sehr kurzen Abständen, und ständig und überall im ganzen Gehirn ab.

Die Art genau dieser Zufälle wird dann auch entscheidend dafür sein, auf welcher Grundlage unser psychisches System und unser Bewusstsein funktioniert. Die Art dieser chemischen Zufälle kann dann völlig zufällig, nach versteckten Parametern, aber auch durch eine Art kosmischen Geist mit Blick auf die Zukunft gezielt mitgestaltet sein. Ich finde, hier gibt es für das Leben sehr interessante Möglichkeiten.

Wie viel und welcher Zufall im menschlichen Leben dann letztlich ankommt, ist dann auch Teil persönlicher Erfahrung. Das kann sein, dass man so zielstrebig ist, dass man gegen alle Zufälle erfolgreich antritt und alle Widerstände überwindet. Das kann auch sein, dass man sich vom Zufall im Leben inspirieren lässt und alles dankbar aufnimmt, was sich ergibt. Und das kann auch Schicksal sein, gegen das man kaum ankommt, im Schrecklichen wie im Wunderbaren. Und eine persönliche Beziehung zu den kosmischen Geisteswelten soll es auch noch geben. Zumindest gibt es Menschen, die dies tatsächlich suchen, und manch einer meint sogar, damit Erfolg zu haben.

Muss man nicht machen, aber keine soo schlechte Idee, finde ich. Dies ist wohl das Wesen von Religion, ganz allgemein.



Kommentar vom 03.09.2020 13:33
https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/in-der-psychiatrie-wird-es-wohl-immer-einen-unerklaerbaren-rest-geben/

@Wahnideen als Normvarianten

Wahnideen können auch psychisch Gesunde befallen. Die Verschwörungsmythen, die im Nachbarblog von Herrn Blume diskutiert werden, sind eine Variante davon. Generell ist der paranoide Standpunkt zunächst einfach nur ein Standpunkt, um auf die Schnelle Schwierigkeiten zu identifizieren, die einem gefährlich werden könnten. Wenn man Zeit und Möglichkeiten hat, die eventuellen Gefahren zu prüfen, ist man dann wieder auf einem guten Weg in die Realität.

Bei richtigen Psychosen ist gerade dieses Prüfen vorrangig gestört. Hier liegt meistens eine gewisse Geistesschwäche vor, die einen wesentlichen Teil des Problems ausmacht. So erklären sich vermutlich auch die Überschneidungen von Demenz und Schizophrenie. Die Geistesschwäche ist bei der Schizophrenie oft nur in akuten Krisen stark ausgeprägt, in den eher stabilen Phasen zwischen den Krisen ist die Urteilsfähigkeit in der Regel wieder ganz gut. So kann es dann auch zur Auflösung von einem Großteil der Wahnideen kommen, die sich in der Krise angesammelt haben.

Ein Teil der Wahnideen bleibt aber erhalten, und genau diese sind den Wahnideen ähnlich, die auch Gesunde und ganze Kollektive befallen können.

Zum Auflösen von Wahnideen ist auch ein soziales Umfeld sehr hilfreich, das kann bei der Einschätzung und Prüfung der Ideen entscheidend helfen. Entsprechend haben Psychotiker, die sehr isoliert leben, eine sehr viel schlechtere Prognose. Andersrum kann aber ein „pathologisches“ soziales Umfeld auch spezielle Wahnideen stabilisieren, und zur vermeintlich gesicherten Realität erklären. Ob Reichsbürger, Islamisten oder Zeugen Jehovas: hier wird jeweils ein Wahnsystem gut kultiviert und als Komplettpaket angeboten.

Hier macht es wieder Sinn, dieses nicht als krankhaft, sondern als Normvariante zu begreifen. Destruktiv, gefährlich, verrückt auch, unbedingt, aber eben nicht krank. Kein Fall für den Psychiater, eher ein Fall für den Philosophen, Klimaforscher, Politikwissenschaftler, Soziologen und Religionswissenschaftler, und gegebenenfalls auch für die Polizei.



Kommentar vom 03.09.2020 00:48
https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-25-von-wegen-covidioten-verschwoerungsmythen-verstehen-mit-heidegger-und-platon/

@tranquebar 01.09. 21:17

Im Zweifelsfall versuche ich die Entwicklungen positiv zu bewerten, insbesondere, wenn es um konkrete Menschen in meinem sozialen Umfeld geht. Dass es den Menschen immer mehr komisch vorkommt, wie vehement die Regierungen gegen Corona vorgehen, ist auch meiner Ansicht nach nachvollziehbar. Bei Todesraten von um die 5 pro Tag in ganz Deutschland im Juli und im August habe ich auch den Eindruck, dass man hier die Panik wirklich gerne fördert.

Warum auch immer. Die Politiker gehen weltweit recht ähnlich vor, offenbar weil sie wissen, dass sie bei der Panik in der Bevölkerung kurzfristig Punkte sammeln können, wenn sie Aktionismus vorweisen können. Und die beratenden Mediziner habe ich in Verdacht, dass sie gerne den Pharmafirmen den zu erwartenden Profit mit den Impfstoffen gönnen. Allerdings kann ich darüber hinaus wirklich keine weitere Verschwörung erkennen.

Und natürlich hoffe ich, dass die meisten Menschen genug Verstand haben, hier nicht ohne Not an paranoiden Unsinn zu glauben. Nach wie vor gehe ich davon aus, dass die neuen Möglichkeiten, im Internet seine Meinung zu verbreiten, sich insgesamt positiv auswirken wird.

Wenn unsere Regierungen in Europa gezwungen werden, wichtige Fragen anzugehen, dann kann das auch was nützen. Neben einem sozialverträglichem Klimaschutz könnte auch der Komplex aus dauerhaft niedrigen Geburtenzahlen und der daraus folgenden Migration mal wirkungsvoll angegangen werden. Die durchaus verrückten Verschwörungsmythen haben eine gewisse Basis in der Evidenz der Menschen, hier werden immerhin in der Realität Probleme erkannt, die in den staatstreuen Medien praktisch nicht vorkommen.

Kurzfristig erscheint die entschiedene Bekämpfung der Coronapandemie als alternativlos, aber die wirtschaftlichen Folgen sind meiner Ansicht wesentlich gefährlicher als das Virus selbst. Wenn die vom Tourismus lebenden Länder komplett pleite gehen und auch bei uns in Deutschland und in Skandinavien die Zeit des Überflusses vorbei ist, dann ist hier immerhin ein Ende der Solidarität und damit ein Ende der EU in Sicht.

Wenn die Menschen sich an diese neuartige Lebensgefahr gewöhnt haben, und die Gefahr wieder gleichberechtigt neben den anderen vielfältigen Gefahren für die Gesundheit eingeordnet sind, sehen die Menschen dann nur noch den wirtschaftlichen Scherbenhaufen, den die Panik angerichtet hat.

Die Zustimmung zu der jetzigen Politik kann dann umschlagen, wenn einerseits die Panik weg ist, und wenn anderseits klar wird, wie gewaltig die sozialen und wirtschaftlichen Folgen werden. Das kann ich mir tatsächlich systemgefährdend vorstellen. Die Pluspunkte, die hier fleißig gesammelt werden, werden sich dann auch rückwirkend in Minuspunkte verwandeln können.



Kommentar vom 02.09.2020 00:38
https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/in-der-psychiatrie-wird-es-wohl-immer-einen-unerklaerbaren-rest-geben/

@Sterblichkeit

Die Sterblichkeit beruht einfach auf dem Modell der Biologischen Evolution von den jeweiligen Spezies der sich sexuell fortpflanzenden Mehrzellern. Für den Menschen recht speziell bringt dies doch harte Einschnitte mit sich.

@Martin Holzherr: „Aber auch sonst wäre es oft besser, wenn man unbelastet von der Vergangenheit völlig neu beginnen könnte.“

@Elektroniker: „Ein Computersystem wird einfach durch neue leistungsfähigere Systeme ersetzt, ist praktisch fast beliebig „skalierbar“ und macht genau dort weiter, wo der „verschrottete Rechner“ aufgehört hat.“

Nehmen wir beides zusammen, und man hat hier die Vor- und Nachteile der Sterblichkeit.

Wir könnten einerseits praktisch unbegrenzt lernen, und kämen vielleicht sogar mit 500 Lebensjahren zurecht, ohne das hier die Entwicklung der Persönlichkeit und das gesammelte Weltwissen am Ende wären. Der Körper macht einfach nach spätestens 100 Jahren nicht mehr mit, und den Abbruch und den folgenden Neustart als Neugeborener unvermeidlich. An die direkte Wiedergeburt glaube ich jetzt nicht, aber aus Sicht der Spezies ist dies das Wesen der Generationenfolge.

Aber wir können auch an uns selber leiden, und werden dann vom Tod irgendwann erlöst. Zusätzlich ändern sich auch die Zeiten, und wir können uns schon mit 60 oft nicht mehr auf neue Ideen und Konzepte einlassen. In den Wissenschaften, sagt man, können die Irrtümer der richtig großen Koryphäen erst korrigiert werden, wenn diese abgetreten sind, weil sich das vorher keiner trauen würde.

Vorteile hat die Sterblichkeit also offenbar auch. Nur dass der neue Mensch dann immer wieder 40 Jahre braucht, bis er so richtig im Leben angekommen ist und sich zurecht findet. Aber jeder Neuanfang macht auch viele alte Fehler dann gerade nicht mehr, hat die Irrwege der vorangegangenen Generationen von vorn herein vermieden, und kann sich ganz den aktuellen Inspirationen hingeben, und was wirklich Neues versuchen.

Nun gut, wenigstens lebt ein Teil der eigenen Gedanken weiter. Der eigene kulturelle Fußabdruck sozusagen bleibt der Weltkultur zumindest als Historie erhalten. Ein Teil unseres Lebens ist eben, wie bei Computern auch, dann doch auf neue Exemplare übertragbar. Nur der Kopiervorgang ist sehr viel umständlicher, dafür aber auch gleich wieder selektiv, im positivem Sinne.



Kommentar vom 01.09.2020 15:48
https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/in-der-psychiatrie-wird-es-wohl-immer-einen-unerklaerbaren-rest-geben/

@Querdenker 09:58

„Das Gehirn interagiert permanent mit dem Körper und dementsprechend müsste ja auch der Körper dann krank sein.“

Genau das passiert ja auch bei den angesprochenen Fällen, wo z.B. eine Immunerkrankung mitspielt. Da habe ich durchaus Hoffnung, dass wenn man mehr nach solchen Ursachen sucht, dass man dann Vielen damit helfen kann. Wenn derzeit die üblichen Neuroleptika nicht helfen, dann nimmt man einfach mehr davon. Was dann aber schnell einer Art Totalabschaltung nahekommt.

„Schizophrenie ist für mich Ausdruck eines überaktiven Gehirns, was Reize nicht mehr rational verarbeiten kann.“

Ich meine auch, dass genau das das Wesentliche ist. Es kann aber auch etwas Demenzähnliches dabei sein. Insbesondere nach Jahrzehnten der relativen Inaktivität kommt dann noch eine erlernte Hilflosigkeit dazu, eine allgemeine Inkompetenz auch einfach aus Trainingsmangel.

Ich finde nach wie vor aber die Dynamik auf soziologischer Ebene als ein Hauptfaktor für die oft zu beobachtenden Chronifizierungen. Das Stigma der Diagnose zerstört oft dauerhaft das soziale Umfeld und ruiniert nachhaltig die Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ohne soziale Existenz kommt der Mensch in Dauerstress, die Symptomatik hält sich selbst am Laufen.

Das Vulnerabilitätskonzept führt einerseits dazu, das die Patienten selbst sich nichts mehr zutrauen, und bei anstrengenden Anforderungen auch deshalb einen Rückzieher machen, weil sie glauben, sie könnten wieder krank davon werden. Hier spielt wiederum eine Rolle, dass die meisten Psychotiker fast panische Angst davor haben, wieder auf einer geschlossenen Station zu landen. Hier spielt es wiederum eine entscheidende Rolle, dass sie dort meistens ziemlich schlecht behandelt werden.

Außerdem führt das Vulnerabilitätskonzept zu einer Stigmatisierung, wenn es genetisch verstanden wird und auf die herrschende Idee trifft, dass der Lebenssinn im Wettkampf um die lukrativsten Arbeitsplätze erfüllt wird. Dieses Leistungswettrennen beherrscht unsere Leistungsgesellschaft, und wer da nicht mehr mithalten kann, wird quasi spätestens seit Harz4 dafür noch mal extra bestraft, damit sich bloß jeder schon in der Grundschule maximal anstrengt.

„...was die Grenzen der gegenwärtigen Psychiatrie aufzeigt die die Psyche kognitiv zu erklären versucht.“

Die psychiatrische Heilkunst ist schon alleine dadurch begrenzt, dass niemand weiß, wie eine gesunde Psyche funktioniert. Hier ist man gut beraten, wenn man tatsächlich immer guckt, ob Symptome jetzt wirklich Krankheitsausdruck sind, oder doch nur Normvarianten sind.

Was bleibt, ist sich dann eben in der Psychoszene ein neues und tragfähiges soziales Netz aufzubauen, mit seiner Armut klarzukommen und sich einfach Beschäftigungen jenseits des Erwerbsgedanken zu suchen. Eine Idee von Lebenssinn jenseits der grassierenden Leistungswettkämpfe ist dabei sehr hilfreich.